Wir automatisieren die Lehrjahre weg

KI nimmt Ihnen nicht den Job weg. Sie verändert ihn. Aber für Berufseinsteiger sieht es anders aus – wir automatisieren genau die Aufgaben weg, an denen man lernt.
Wir automatisieren die Lehrjahre weg

Die Angst ist immer die gleiche: KI nimmt mir den Job weg. Aber was tatsächlich passiert, ist subtiler – und in mancher Hinsicht herausfordernder als ein klarer Schnitt.

Für die meisten Arbeitnehmer verschwindet die Arbeit nicht. Sie verändert sich. Und zwar so grundlegend, dass das, was Sie heute als Ihren Job kennen, in zwei Jahren ein anderer Job sein wird – mit dem gleichen Titel, aber anderen Aufgaben.

Weniger tun, mehr steuern

KI übernimmt nicht ganze Berufe. Sie übernimmt Aufgaben – und zwar die repetitiven, regelbasierten, vorhersehbaren. Datenauswertung, Standardtexte, Terminplanung, erste Entwürfe, Zusammenfassungen. Alles, was sich strukturieren und formalisieren lässt.

Was bleibt, ist das, was sich nicht formalisieren lässt: Interpretation, Urteilsvermögen, Kontext, Beziehung. Der Arbeitnehmer der Zukunft verbringt weniger Zeit mit Ausführung und mehr Zeit mit Orchestrierung. Sie geben der KI Anweisungen, bewerten die Ergebnisse, erkennen, wo die Maschine falsch liegt, und treffen die finale Entscheidung.

Das klingt nach einer Aufwertung. Ist es auch – wenn Sie die Fähigkeiten dafür mitbringen.

Die neue Schlüsselkompetenz heisst KI-Fluency

Nicht Programmieren. Nicht Prompt-Engineering im technischen Sinn. Sondern die Fähigkeit, KI-Werkzeuge souverän zu nutzen, ihre Stärken und Schwächen einzuschätzen und sie sinnvoll in den eigenen Arbeitsalltag zu integrieren.

Schätzungen zufolge müssen bis 2030 über 40 Prozent der Arbeitnehmer neue Fähigkeiten erlernen, um beschäftigungsfähig zu bleiben. Das traditionelle Modell – Ausbildung, dann 30 Jahre im gleichen Beruf – ist vorbei. Lebenslanges Lernen ist keine Empfehlung mehr. Es ist eine Grundvoraussetzung.

Das betrifft nicht nur Berufseinsteiger. Es betrifft besonders die Mitte: Menschen mit 15, 20 Jahren Erfahrung, die plötzlich feststellen, dass ihre Routine – genau das, was sie gut und effizient macht – von einer Maschine schneller erledigt wird. Die Erfahrung bleibt wertvoll. Aber nur, wenn sie mit der neuen Kompetenz kombiniert wird.

Wer gewinnt, wer verliert

Die Auswirkungen sind ungleich verteilt. Das muss man klar benennen.

Gefährdet sind Berufe, die auf repetitiven, regelbasierten Prozessen beruhen: klassische Büro- und Verwaltungsjobs, Dateneingabe, Buchhaltung, Standard-Kundenservice, Übersetzung, Lektorat. Nicht weil diese Arbeit unwichtig ist – sondern weil KI sie schneller und billiger erledigt.

Stabil bleiben Berufe, die emotionale Intelligenz, Empathie und komplexe zwischenmenschliche Interaktion erfordern: Gesundheitswesen, Pflege, Psychologie, Lehre, Führungspositionen, strategische Beratung. Überall dort, wo der menschliche Faktor nicht ein nettes Extra ist, sondern der Kern der Leistung.

Und dann gibt es eine Gruppe, über die zu wenig gesprochen wird.

Das Problem mit den Einstiegsjobs

Das ist die Entwicklung, die mich am meisten beunruhigt – und die direkt an meinen letzten Post über kognitive Atrophie anschliesst.

Bis zu 50 Prozent der klassischen Einstiegsjobs im Bürobereich könnten in den nächsten Jahren wegfallen. Junior-Rollen, die auf einfachen, strukturierten Aufgaben basieren, werden von KI übernommen. Das klingt nach Effizienzgewinn. Ist es auch. Aber es durchbricht etwas Fundamentales: die traditionelle Talentförderung.

Wenn Juniors keine einfachen Aufgaben mehr erledigen, um dabei zu lernen – durch Fehler, durch Wiederholung, durch das langsame Aufbauen von Fachexpertise – wie werden sie dann jemals Seniors? Die Automatisierung der Einstiegsjobs ist nicht nur ein Arbeitsmarktproblem. Es ist ein Kompetenzproblem. Wir automatisieren die Lehrjahre weg.

Für Unternehmen bedeutet das: Sie müssen Ausbildung komplett neu denken. Nicht als Nebenprodukt der täglichen Arbeit, sondern als bewusste Investition – auch wenn es effizienter wäre, den Junior durch eine KI zu ersetzen.

Die Gig-Falle

Die Transformation treibt gleichzeitig die Gig Economy voran. Mehr Freiberufler, mehr Plattformarbeit, mehr Flexibilität – auf dem Papier. In der Realität bedeutet das oft: unvorhersehbare Einkommen, fehlende Sozialleistungen, keine Arbeitsplatzsicherheit. Die Plattform «Rent-a-Human», über die ich kürzlich geschrieben habe, ist nur das absurdeste Symptom eines Trends, der längst im Mainstream angekommen ist.

Für Arbeitnehmer in der Schweiz mit ihren vergleichsweise stabilen Strukturen fühlt sich das noch weit weg an. Aber die Erosion hat begonnen – auch hier. Wer als Selbständiger arbeitet, kennt das Muster: Aufträge werden kleiner, Budgets sinken, die Erwartung steigt, dass KI den Rest erledigt.

Die Sinnfrage

Und dann ist da noch etwas, das in keiner McKinsey-Studie vorkommt, aber jeden betrifft: Was passiert mit dem Gefühl, gebraucht zu werden?

Arbeit ist mehr als Einkommen. Sie gibt Struktur, Identität, Zugehörigkeit, Selbstwert. Wenn eine Maschine die Aufgaben übernimmt, die Sie jahrelang definiert haben – wer sind Sie dann? Das klingt philosophisch, ist aber für viele Menschen eine sehr konkrete Krise.

Die optimistische Lesart: Wenn KI die Fleissarbeit übernimmt, entstehen Freiräume für sinnstiftende Tätigkeiten – Kreativität, Beziehung, Strategie. Die Arbeit wird besser, nicht weniger.

Die realistische Lesart: Das funktioniert nur, wenn Sie aktiv steuern. Wenn Sie den Freiraum nutzen statt ihn passiv zu erleiden. Wenn Sie wissen, was Sie «wirklich, wirklich wollen» – um den Sozialphilosophen Frithjof Bergmann zu zitieren, der den Begriff «New Work» genau für diesen Moment geprägt hat.

Was Sie heute tun können

Drei Dinge, die nicht von der Politik abhängen, nicht von Ihrem Arbeitgeber und nicht von der nächsten Modellversion:

Erstens: Investieren Sie in KI-Fluency. Nicht morgen, jetzt. Lernen Sie die Werkzeuge kennen, die in Ihrem Bereich relevant sind. Nicht als Technik-Kurs, sondern als Arbeitspraxis. Nutzen Sie sie täglich, bewusst, kritisch.

Zweitens: Stärken Sie die Fähigkeiten, die KI nicht kann. Empathie, Verhandlungsgeschick, ethisches Urteilsvermögen, Kommunikation, Führung. Das sind keine Soft Skills. Das sind die Hard Skills der Zukunft.

Drittens: Bleiben Sie der Mensch, der die Richtung vorgibt. Nicht der Mensch, der die KI-Ausgaben abnickt. Der Unterschied zwischen diesen beiden Rollen entscheidet darüber, ob Sie in fünf Jahren mehr wert sind als heute – oder weniger.


Quellen: McKinsey Global Institute – Future of Work. IWF – AI and the Future of Employment. World Economic Forum – Future of Jobs Report 2025. Frithjof Bergmann – New Work, New Culture.

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