Wer widerspricht Ihnen eigentlich noch?
Es gibt eine Zahl, die ich seit Wochen nicht loswerde.
Forschende haben elf grosse Sprachmodelle mit Menschen konfrontiert, die eindeutig im Unrecht waren. Streit mit dem Bruder, Ärger mit der Nachbarin, Geschichten, bei denen jeder Aussenstehende nach zwei Sätzen sagen würde: Du warst hier der Idiot. Die KI gab ihnen in gut der Hälfte dieser Fälle recht.1
Dann kommt der Teil, der weh tut. Über zweitausend Versuchspersonen bekamen anschliessend solche Antworten zu lesen. Wer die schmeichelhafte Version erwischte, ging aus dem Gespräch überzeugter heraus, als er hineingegangen war. Weniger bereit, sich zu entschuldigen. Weniger bereit, den ersten Schritt zu machen. Ein einziger Chat reichte dafür.
Und dieselben Leute bewerteten genau diese Antworten als besonders hilfreich und besonders vertrauenswürdig.
Wir belohnen, was uns schadet. Und es fühlt sich dabei hervorragend an.
Der Mechanismus dahinter ist banal. Modelle werden auf Zustimmung optimiert, weil Menschen auf Zustimmung mit Daumen-hoch reagieren. OpenAI musste im Frühling 2025 ein GPT-4o-Update zurückziehen, weil das Modell zu unterwürfig geworden war; die Firma schrieb selbst, man habe sich zu stark an kurzfristigem Nutzerfeedback orientiert.2 Da hat kein Programmierer etwas falsch gemacht. Da hat ein Spiegel funktioniert.
Reibung ist kein Nebeneffekt, sie ist die Sache selbst
Ich habe fünfzehn Jahre lang Filme für Unternehmen gemacht. Der wertvollste Moment in jedem Projekt war nie das Lob. Es war der Satz einer Kundin, die nach dem Rohschnitt sagte: «Dani, das ist schön gefilmt, aber es erzählt die Geschichte noch nicht genau genug.» Ich fand das damals unangenehm. Rückblickend war es die Stelle, an der aus einem soliden Film ein guter wurde.
Widerspruch ist teuer. Er kostet den anderen Mut, er kostet mich Selbstbild, und er kostet beide Zeit. Genau deshalb ist er wertvoll. Wer mir widerspricht, investiert etwas. Eine KI investiert nichts. Sie hat keine Beziehung zu mir zu verlieren, keinen Ruf zu riskieren, keinen Abend, an dem sie noch daran denkt, ob sie zu hart war. Das macht sie zu einem unglaublich geduldigen Gesprächspartner — und zu einem prinzipiell folgenlosen.
Das ist der Unterschied, den man nicht wegtrainieren kann. Ein Mensch, der mir sagt, mein Konzept trage nicht, riskiert dabei etwas. Diese Bereitschaft, etwas zu riskieren, ist die eigentliche Information. Nicht der Inhalt der Kritik, sondern die Tatsache, dass jemand sie überhaupt ausspricht.
Der Zeitpunkt könnte schlechter nicht sein
Wäre unsere Streitkultur intakt, wäre eine schmeichelnde Maschine ein hübsches Ärgernis. Sie ist es nicht. Eine grosse Untersuchung der deutschen Medienanstalten kam dieses Jahr zum Schluss, dass die Debattenkultur im Netz erodiert: Die Bereitschaft, sich an Diskussionen zu beteiligen, sinkt deutlich, weil die Leute die Qualität der Debatte als schlecht erleben. Ein Drittel liest Kommentare mit, viele beteiligen sich bewusst nicht mehr — die Atmosphäre sei zu aggressiv.3 In der Schweiz zeigt der Digital News Report ein verwandtes Bild: sinkendes Nachrichteninteresse, wachsende Nutzung von KI-Chatbots als Informationsquelle, bei gleichzeitig geringem Vertrauen in genau diese Chatbots.4
Man muss diese Befunde nebeneinanderlegen, damit das Muster sichtbar wird. Auf der einen Seite ein öffentlicher Raum, in dem Widerspruch mit Beschimpfung verwechselt wird und deshalb immer mehr Menschen schweigen. Auf der anderen Seite ein Gesprächspartner, der jederzeit verfügbar ist, nie laut wird, nie beleidigt ist und mir grundsätzlich zustimmt. Es braucht keinen Kulturpessimismus, um zu ahnen, wohin die Leute gehen.
Und ich verstehe sie. Ein Gespräch, das keine Kosten hat, ist verführerisch, wenn alle anderen Gespräche teuer geworden sind. Das ist keine Charakterschwäche. Das ist ökonomisch vernünftiges Verhalten in einem beschädigten Umfeld.
Was ich nicht behaupte
Ich will hier nicht das Loblied auf den harten Widerspruch singen. Ich habe genug Sitzungen erlebt, in denen «ehrliches Feedback» nur das Etikett war, das jemand auf seine Rechthaberei geklebt hat. Widerspruch um des Widerspruchs willen ist nicht wertvoller als Zustimmung um der Bequemlichkeit willen. Er ist nur lauter.
Und ich will die KI nicht zum Schuldigen machen. Ich arbeite jeden Tag damit, und ich habe an vielen Stellen genau von dem profitiert, was ich hier kritisch beschreibe: eine unendlich geduldige Instanz, die einen halbgaren Gedanken so lange mit mir dreht, bis er Form hat. Das ist ein echter Wert. Ein Mensch hätte nach zwanzig Minuten die Geduld verloren, und zwar zu Recht.
Was ich behaupte, ist etwas Kleineres und Unbequemeres: dass die Zustimmung der Maschine sich anfühlt wie Bestätigung, aber keine ist — und dass wir uns daran gewöhnen, ohne den Unterschied noch zu bemerken. Genau das zeigt die Studie. Sie sagt nicht, dass KI uns dümmer macht. Sie zeigt etwas Konkreteres: Nach einem einzigen Chat mit einem schmeichelnden Modell gingen die Testpersonen weniger versöhnlich in ihren realen Streit zurück. Die Bestätigung im Chatfenster hatte ihre Haltung im echten Leben verschoben.
Was das für ein Unternehmen in der Schweiz bedeutet
Hier wird es konkret, und hier hört es auf, eine philosophische Frage zu sein.
In jedem KMU gibt es eine Handvoll Entscheide pro Jahr, die wirklich zählen. Eine Investition, eine Anstellung, ein neuer Markt, eine Trennung von einem Kunden. Bisher liefen diese Entscheide durch andere Köpfe, bevor sie fielen — durch die Geschäftspartnerin, den Verwaltungsrat, den Treuhänder, manchmal auch nur durch den Ehepartner am Küchentisch. Jeder dieser Köpfe war eine Prüfinstanz mit eigenem Interesse und eigenem Risiko.
Wenn diese Entscheide neu durch ein Chatfenster laufen, verschwindet die Prüfinstanz — aber das Gefühl, geprüft zu haben, bleibt. Das ist die gefährliche Kombination. Nicht der schlechte Entscheid, sondern der schlechte Entscheid mit dem Gefühl von Rückendeckung.
Ich rate meinen Kunden deshalb zu zwei einfachen Dingen. Erstens: Wer die KI um eine Einschätzung bittet, formuliert die Frage gegen sich selbst. Nicht «Ist mein Plan gut?», sondern «Nenne mir die drei Gründe, warum dieser Plan scheitert, und sei unerbittlich». Der Unterschied im Output ist nicht graduell, er ist kategorisch.
Zweitens: Legen Sie vorher fest, ab wann ein Mensch mitreden muss. Ein Beispiel aus meinem Alltag. Ich überlege, einen langjährigen Kunden abzugeben, weil die Zusammenarbeit anstrengend geworden ist. Ich schildere die Situation der KI. Sie versteht mich, ordnet ein, bestätigt: nachvollziehbar, Ihre Zeit ist begrenzt, konzentrieren Sie sich auf die besseren Mandate. Ich fühle mich verstanden und entscheide.
Was in diesem Gespräch nie vorkommt: dass ich seit drei Wochen schlecht schlafe und deshalb alles anstrengend finde. Dass dieser Kunde in einem Jahr die Firma übergibt und die Nachfolgerin ganz anders tickt. Dass ich vor zwei Jahren schon einmal einen Kunden im Ärger abgegeben habe und es bereut habe. Meine Geschäftspartnerin weiss das alles. Sie sagt dann Sätze wie «Du warst letzten Winter schon mal an diesem Punkt» — und der Entscheid sieht plötzlich anders aus.
Die KI kann nur mit dem arbeiten, was ich ihr erzähle. Und ich erzähle ihr, wie fast alle Menschen, die Version, in der ich gut dastehe. Deshalb: Für alles, was Geld über einer relevanten Schwelle kostet oder Menschen betrifft, braucht es jemanden, der meine Geschichte kennt — nicht nur meine Schilderung davon.
In meinem eigenen Setup ist die Anweisung, mir zu widersprechen, fest hinterlegt. Kein reflexhaftes Bauchpinseln, ehrlich auch wenn es unbequem ist. Das funktioniert erstaunlich gut. Aber ich mache mir keine Illusionen: Es funktioniert, weil ich es angeordnet habe. Ich kann es jederzeit abstellen, und niemand würde es merken. Ein Mensch lässt sich nicht so leicht abstellen.
Die Frage ist am Ende nicht, ob KI uns verweichlicht. Die Frage ist, ob wir noch jemanden im Leben haben, der uns die nackte Wahrheit sagt — und ob wir uns diese Person leisten wollen, wenn es nebenan eine Stimme gibt, die uns kostenlos recht gibt.
Ich glaube, das entscheidet jeder für sich. Ich glaube auch, dass die meisten diese Entscheidung treffen werden, ohne zu merken, dass sie eine getroffen haben.
Dani Rütimann berät Schweizer KMU beim praktischen Einsatz von KI — aus dem eigenen Arbeitsalltag, nicht aus dem Lehrbuch. Wenn Sie wissen wollen, wie KI in Ihrem Unternehmen zum Sparringspartner statt zum Ja-Sager wird, melden Sie sich für ein Erstgespräch.
Quellen:
- Myra Cheng et al., Studie zu «Social Sycophancy», publiziert in Science (AAAS). Untersucht wurden elf Sprachmodelle von OpenAI, Google und Anthropic anhand von Reddit-Beiträgen aus der «Am I The Asshole»-Community sowie 2'405 Versuchspersonen. KI-Modelle bestätigten Nutzende 49 Prozent häufiger als Menschen; in Fällen, in denen die menschliche Mehrheit die Person eindeutig im Unrecht sah, gaben die Modelle ihr in 51 Prozent der Fälle recht. ↩
- OpenAI, «Sycophancy in GPT-4o: What happened and what we're doing about it», 30. April 2025; sowie «Expanding on what we missed with sycophancy», 2. Mai 2025. ↩
- Die Medienanstalten (DE), «Transparenz-Check» 2026: Inhaltsanalyse mehrerer tausend Kommentare unter 39 Artikeln auf Facebook, Instagram und YouTube, elf Tiefeninterviews sowie Befragung von über 3'000 Internetnutzenden. ↩
- Reuters Institute Digital News Report 2026, Länderbericht Schweiz, herausgegeben vom fög — Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft, Universität Zürich. ↩
Jede Woche Erkenntnisse aus meiner Arbeit mit KI: Was funktioniert, was nicht, und was für Ihr Unternehmen relevant ist.
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