Sun Tzu hätte keine Arbeitsgruppe gegründet

Eine Schreinerei, eine kleine Treuhandfirma, die Treuhandabteilung eines Konzerns: Im Frühling stellen sich alle dieselbe KI-Frage. Eine Geschichte über Branchen, Tempo und Agilität, mit Studien, mit Sun Tzu und mit der Frage, wer im Herbst noch über Gestern entscheidet.
Sun Tzu hätte keine Arbeitsgruppe gegründet

In einer Strasse in einer Schweizer Kleinstadt stehen drei Betriebe nebeneinander: eine Schreinerei, eine Treuhandfirma mit vier Mitarbeitenden und, gleich gegenüber, die Treuhandabteilung eines Konzerns mit 400 Beschäftigten. Im Frühling lesen alle drei dieselben Schlagzeilen über KI, und alle drei stellen sich dieselbe Frage: Betrifft uns das?

Erfunden sind die drei. Das Muster dahinter ist es nicht. Ich begleite sie bis in den Herbst.

Frühling

Der Schreiner hat ein Programm für Offerten ausprobiert. Es spart ihm abends eine Stunde. Mehr nicht, und mehr braucht er nicht: Seine Kunden wollen einen Tisch aus Eiche, und den baut keine KI. Damit ist er in guter Gesellschaft. Anthropic hat im März 2026 gemessen, welche Aufgaben tatsächlich mit Sprachmodellen erledigt werden. Bei Programmierern sind rund 75 Prozent der Aufgaben betroffen, bei der Dateneingabe rund 67. Gleichzeitig arbeiten rund 30 Prozent der Beschäftigten in Berufen ohne messbare Exposition: Köche, Motorradmechaniker, Barkeeper.1

Die Inhaberin der kleinen Treuhandfirma weiss, dass sie näher bei der Dateneingabe steht als bei den Köchen, denn ihr Alltag besteht aus Belegen, Zahlen und Abschlüssen. Am Montag sagt sie ihrem Team: «Probieren wir es aus.» Am Freitag läuft ein erster Test. Im Mai ist er im Alltag, im Juni korrigiert sie, was nicht funktioniert.

In der Konzern-Treuhand gegenüber wird eine Arbeitsgruppe gegründet. Der Datenschutz prüft, die Rechtsabteilung prüft, der Steuerungsausschuss tagt im September.

Neun von zehn Befragten einer EY-Umfrage unter Schweizer Unternehmen nutzen KI bei der Arbeit. Nur neun Prozent sagen, sie habe ihr Geschäftsmodell verändert.2 Zwischen diesen beiden Zahlen liegt unsere Strasse.

Sommer

Im Sommer sieht es aus, als hätte der Konzern verloren. Das täuscht. Er ist nicht dumm, er hat nur mehr zu bedenken. Wer 400 Menschen betrifft, muss mehr prüfen, und er hat, was der kleinen Firma fehlt: Budget, Daten, Fachleute. In der McKinsey-Umfrage skalieren 54 Prozent der Firmen mit über einer Milliarde Dollar Umsatz KI im ganzen Unternehmen, bei kleineren ist es etwa ein Drittel.3

Und doch kostet das Prüfen Zeit, und KI bestraft sie, weil sich das Ziel in der Zwischenzeit verschiebt. Eine Studie des MIT-Projekts NANDA hat Firmen verglichen: Mittelgrosse brauchten rund 90 Tage, um einen KI-Piloten in den Alltag zu bringen, grosse neun Monate oder länger. Die Grossen starteten die meisten Piloten, brachten aber den kleinsten Anteil davon in den Betrieb.4 Zur Einordnung: Es ist keine Schweizer Erhebung, und sie stützt sich auf 52 Interviews und 153 Umfrageantworten. Ein Hinweis, kein Beweis. Aber er passt zu dem, was in unserer Strasse geschieht.

Der Vorteil der kleinen Treuhandfirma ist allerdings keine Garantie. Es gibt auch kleine Firmen, in denen der Montag einfach verstreicht. In der AXA-Studie unter Schweizer KMU sehen nur 33 Prozent der kleinen Betriebe KI als Chance, und nur 23 Prozent sehen Anpassungsbedarf beim Geschäftsmodell. Bei den grossen KMU sind es 42 Prozent.5 Tempo ist ein Vorteil, den man nur hat, wenn man ihn nutzt.

Herbst

Im September tagt der Steuerungsausschuss. Auf dem Tisch liegt eine Vorlage für ein Werkzeug, das im Frühling die erste Wahl war. Die Inhaberin gegenüber ist da längst bei Version drei ihres Ablaufs für Belege und Abschlüsse. Sie hat zwei Werkzeuge ausprobiert und eines wieder abgeschafft. Und sie hat sich einen Termin in den Kalender gesetzt: Einmal pro Quartal schaut sie sich an, was noch gilt. Der Schreiner baut in dieser Zeit einen Tisch aus Eiche.

Das ist kein Zufall. Die PwC-Auswertung von über einer Milliarde Stellenanzeigen aus 27 Ländern zeigt, dass sich die geforderten Fähigkeiten in stark KI-exponierten Berufen mehr als doppelt so schnell verändern wie in anderen.6 Was im Frühling stimmte, ist im Herbst eine Hypothese. Der Ausschuss ist dabei keine Ausnahme. Im NZZ-KMU-Barometer sagen nur 27 Prozent der befragten Führungskräfte, sie könnten ihr Geschäftsmodell innerhalb von sechs Monaten substanziell umbauen. Genau so viele nutzen Daten systematisch für strategische Entscheide.7

Sun Tzu hat das vor über zweitausend Jahren auf den Punkt gebracht. Von dummer Hast habe man gehört, schreibt er, Klugheit aber sei nie mit langen Verzögerungen verbunden gewesen.8 Ich glaube nicht, dass er eine Arbeitsgruppe gegründet hätte.

Zu spät, zu hart

Dass diese Strasse nicht nur Fiktion ist, zeigen zwei Firmen, die es wirklich gibt.

Chegg, eine amerikanische Lernplattform, auf der Studierende für Lernhilfe bezahlen, hat erlebt, wie schnell ein Geschäft kippen kann. Im Oktober 2025 kündigte das Unternehmen an, rund 45 Prozent der Belegschaft zu entlassen, und holte den früheren Chef Dan Rosensweig zurück. Den Einbruch führt es auf KI und weniger Besucher über die Google-Suche zurück.9

Klarna hat die andere Lektion gelernt. Die Firma hatte ihren Kundenservice stark verkleinert und das mit KI begründet. Im Mai 2025 räumte Chef Sebastian Siemiatkowski gegenüber Bloomberg ein, der Fokus auf Kostensenkung habe die Qualität gedrückt. Seither holt Klarna wieder Menschen ins Team, und Kunden sollen jederzeit mit einer Person sprechen können.10

Agil sein heisst deshalb nicht nur, schnell zu entscheiden. Es heisst, schnell zu merken, dass man falsch lag. Klarna hat seinen Entscheid nicht verteidigt, sondern korrigiert. Genau das übt die Chefin mit ihrem Quartalstermin.

Und Sie?

Sind Sie die Inhaberin der kleinen Treuhandfirma, kostet Ihr Vorteil nichts, aber er verfällt, wenn Sie ihn nicht nutzen. Legen Sie fest, wie lange ein KI-Entscheid bei Ihnen dauern darf. In Ihrer Grösse sind es Tage, nicht Quartale.

Sitzen Sie im Konzern, geben Sie einem kleinen Team einen klaren Auftrag mit Budget, statt eine Arbeitsgruppe einzusetzen. Lassen Sie kleine, umkehrbare Entscheide auf tiefer Ebene fallen und tragen Sie nur die grossen nach oben.

Sind Sie der Schreiner, haben Sie im Frühling gute Erfahrungen gemacht: Die Offerte spart Ihnen eine Stunde pro Abend. Fragen Sie sich jetzt, welche zusätzliche Stunde Sie als Nächstes einsparen könnten, etwa bei der Materialliste, der Terminplanung oder der Auftragsbestätigung. Der Tisch aus Eiche bleibt Handarbeit, die Büroarbeit drumherum muss es nicht bleiben.

Für alle drei gilt dasselbe: Entscheiden Sie so, dass Sie im Herbst noch einmal anders entscheiden können. Testen Sie ein Werkzeug drei Monate lang, statt es gleich für drei Jahre zu kaufen. Setzen Sie sich einen festen Termin, an dem Sie prüfen, was noch gilt. Und führen Sie einen Anwendungsfall konsequent zu Ende, statt zehn anzufangen.

Im letzten Beitrag habe ich eine Firma beschrieben, in der niemand arbeitet. Das ist das eine Ende der Skala, die Schreinerei das andere. Unsere Strasse liegt dazwischen, wie fast alle Unternehmen. Die Frage ist nicht, wo Sie heute stehen, sondern in welche Richtung Sie sich bewegen und wie schnell.

«Schnelligkeit ist das Wesen des Krieges», schrieb Sun Tzu.11 Im Geschäft kommt etwas dazu: die Bereitschaft, im Herbst wieder aufzumachen, was man im Frühling entschieden hat.

Ob KI Ihr Unternehmen im Kern berührt, entscheidet Ihre Branche. Ob es Sie überrascht, entscheidet Ihr Tempo.


Ich berate Schweizer KMU beim praktischen Einsatz von KI, aus dem eigenen Arbeitsalltag und nicht aus dem Lehrbuch. Wenn Sie wissen wollen, wo Ihr Unternehmen auf dieser Skala steht und welche Entscheide vom Frühling im Herbst nochmals auf den Tisch gehören, melden Sie sich für ein Erstgespräch.


Quellen:

  1. Anthropic, «observed exposure», 6. März 2026, zusammengefasst bei eCommerceNews: https://ecommercenews.com.au/story/anthropic-unveils-new-metric-to-gauge-ai-job-exposure ↩
  2. EY Schweiz, Medienmitteilung vom 27. Mai 2026 (604 Befragte aus Schweizer Unternehmen): https://www.ey.com/de_ch/newsroom/2026/05/artificial-intelligence-widely-established-in-swiss-companies-but-many-are-still-in-the-early-stages-of-scaling ↩
  3. McKinsey-Umfrage (1719 Befragte), wiedergegeben in Fortune, 2. September 2026: https://www.fortune.com/2026/09/02/companies-getting-the-most-from-ai-rethinking-how-work-gets-done-cfo/ ↩
  4. MIT Project NANDA, «The GenAI Divide: State of AI in Business 2025», zusammengefasst bei Virtualization Review, 19. August 2025: https://virtualizationreview.com/articles/2025/08/19/mit-report-finds-most-ai-business-investments-fail-reveals-genai-divide.aspx ↩
  5. AXA KMU-Arbeitsmarktstudie 2026 (Sotomo, 336 KMU), 15. September 2026: https://www.axa.ch/de/ueber-axa/medien/medienmitteilungen/aktuelle-medienmitteilungen/2026/20260915-kmu-arbeitsmarktstudie-kuenstliche-intelligenz.html ↩
  6. PwC, AI Jobs Barometer 2026, 30. Juni 2026: https://www.pwc.de/de/pressemitteilungen/2026/pwc-studie-ki-erreicht-den-kern-des-deutschen-jobmarkts-treibt-den-skill-wandel-aber-noch-kaum.html ↩
  7. NZZ-KMU-Barometer 2026 (Kalaidos, 495 Führungskräfte), berichtet von Netzwoche, 3. Juni 2026: https://www.netzwoche.ch/news/2026-06-03/kmus-investieren-in-ki-treffen-entscheide-aber-oft-aus-dem-bauch ↩
  8. Sun Tzu, «Die Kunst des Krieges», Kapitel II («Waging War»), nach der englischen Übersetzung von Lionel Giles (1910); die deutsche Wiedergabe ist eine eigene Übersetzung: https://www.gutenberg.org/ebooks/132 ↩
  9. Fox Business, «Chegg cuts 45% of staff as AI reshapes online learning business», 27. Oktober 2025: https://www.foxbusiness.com/technology/chegg-lay-off-45-workforce-ai-google-traffic-shifts-batter-business ↩
  10. CXM, «Klarna rethinks AI push, rehires humans after automation stumbles», 9. Mai 2025, zum Bloomberg-Interview mit Sebastian Siemiatkowski: https://cxm.world/customer-experience/klarna-rethinks-ai-push-rehires-humans-after-automation-stumbles/ ↩
  11. Sun Tzu, «Die Kunst des Krieges», Kapitel XI («The Nine Situations»), nach der englischen Übersetzung von Lionel Giles (1910); die deutsche Wiedergabe ist eine eigene Übersetzung: https://standardebooks.org/ebooks/sun-tzu/the-art-of-war/lionel-giles/text/chapter-11 ↩
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