Selber machen oder an die KI geben? Ein Framework für die Entscheidung

Woher weiss ich, wann ich eine Aufgabe an die KI abgeben soll? Drei Kenngrössen und ein pragmatisches Framework für die Entscheidung.
Selber machen oder an die KI geben? Ein Framework für die Entscheidung

Die Frage, die mir am häufigsten gestellt wird, ist nicht «Welches Tool soll ich nutzen?» oder «Ist ChatGPT besser als Claude?». Die häufigste Frage ist: «Woher weiss ich, wann ich eine Aufgabe an die KI abgeben soll – und wann ich sie besser selbst erledige?»

Die ehrliche Antwort: Die meisten entscheiden das aus dem Bauch. Und der Bauch liegt oft falsch. Entweder wird zu viel delegiert – und man verbringt mehr Zeit mit Prompt-Iterationen als die Aufgabe selbst gedauert hätte. Oder zu wenig – und man sitzt eine Stunde an etwas, das die KI in fünf Minuten erledigt hätte.

Es gibt ein einfaches Framework, das hilft. Drei Kennzahlen, keine Raketenwissenschaft.

Die drei Grössen

Human Baseline Time (HBT) – Wie lange würden Sie für diese Aufgabe brauchen, wenn Sie sie komplett selbst erledigen? Keine KI, kein Tool, einfach Sie und die Aufgabe. Bei einer Standard-Mail vielleicht 10 Minuten. Bei einer neuen Stellenausschreibung eher 2 Stunden. Bei einer Marktanalyse vielleicht einen ganzen Tag.

Probability of Success (PoS) – Wie wahrscheinlich ist es, dass die KI ein Ergebnis liefert, das Ihren Qualitätsanspruch erfüllt? Das hängt von der Aufgabe ab. Bei einer Terminbestätigung liegt die Wahrscheinlichkeit bei 95 Prozent. Bei einem Blogpost, der Ihre Stimme treffen soll, vielleicht bei 60 Prozent. Bei einer strategischen Empfehlung für einen Kunden möglicherweise bei 30 Prozent.

AI Process Time (AIPT) – Wie viel Zeit brauchen Sie insgesamt, wenn Sie die KI einsetzen? Das ist nicht nur die Antwortzeit des Modells. Das ist: Prompt formulieren, Ergebnis lesen, bewerten, korrigieren, eventuell iterieren, finalisieren. Bei Routine vielleicht 5 Minuten. Bei kritischen Inhalten schnell 30 Minuten oder mehr.

Die Logik

Die Rechnung ist simpel, sobald man die drei Grössen kennt:

Hohe Erfolgswahrscheinlichkeit bedeutet wenige Iterationen. Die AIPT bleibt niedrig. Delegation lohnt sich fast immer – selbst wenn die HBT kurz ist.

Niedrige Erfolgswahrscheinlichkeit bei kurzer HBT ist der klassische Fall, in dem Delegation Zeitverschwendung ist. Wenn Sie eine E-Mail in 10 Minuten selbst schreiben können, aber 15 Minuten brauchen, um das KI-Ergebnis auf Ihr Niveau zu bringen – machen Sie es selbst.

Lange HBT macht Delegation auch bei mittlerer Erfolgswahrscheinlichkeit sinnvoll. Wenn eine Aufgabe ohne KI 10 Stunden dauert, können sich selbst 2 Stunden Iteration rechnen. Sie sparen immer noch 8 Stunden.

Ein Beispiel aus meinem Alltag

Ich produziere seit 15 Jahren Unternehmensfilme. Wenn ein Kunde ein Konzept für ein Erklärvideo braucht, sieht meine Rechnung so aus:

HBT: Etwa 4 Stunden für Recherche, Struktur, erstes Skript. PoS: Rund 70 Prozent – die KI liefert eine brauchbare Struktur, aber der Tonfall und die branchenspezifischen Nuancen stimmen selten beim ersten Mal. AIPT: Etwa 45 Minuten – Prompt mit Kontext, erstes Ergebnis bewerten, eine Iteration, finalisieren.

Die Rechnung ist eindeutig: 45 Minuten statt 4 Stunden. Selbst wenn ich eine zweite Iteration brauche, bin ich bei 90 Minuten. Delegation lohnt sich.

Anderes Beispiel: Ein persönliches Feedback an einen langjährigen Kunden nach einem schwierigen Projekt. HBT: 20 Minuten. PoS: Vielleicht 40 Prozent – die KI trifft den Ton nicht, kennt die Geschichte nicht, wird zu generisch. AIPT: 15 Minuten, und dann schreibe ich es trotzdem um. Hier mache ich es selbst.

Was die Erfolgswahrscheinlichkeit beeinflusst

Die PoS ist die Stellschraube, auf die Sie am meisten Einfluss haben. Sie steigt, wenn Sie besser mit der KI kommunizieren. Das muss kein komplexer Prompt sein – die Zeiten, in denen man fünf Absätze Kontext eingeben musste, sind vorbei. Aber es hilft enorm, wenn Sie drei Dinge klar machen:

Was genau soll am Ende herauskommen? Nicht «schreib mir was über X», sondern «ich brauche einen Absatz, der Y erklärt, für eine Zielgruppe die Z bereits kennt».

Was soll es nicht sein? Grenzen sind genauso wichtig wie Ziele. «Kein Marketing-Sprech» oder «nicht länger als 5 Sätze» spart Iterationen.

Wie sieht «gut» aus? Wenn Sie der KI ein Beispiel geben – einen früheren Text, eine Referenz, einen Tonfall – steigt die PoS dramatisch.

Warum das Framework wichtiger wird als die Tools

Die Tools verändern sich alle paar Monate. Was heute Claude heisst, heisst morgen vielleicht Monica. Welches Modell gerade führt, ist in einem Jahr irrelevant.

Aber die Fähigkeit, einzuschätzen, wann Delegation sinnvoll ist und wann nicht – die bleibt. Das ist keine technische Kompetenz. Das ist eine Managemententscheidung. Und genau diese Entscheidungsfähigkeit wird den Unterschied machen zwischen Menschen, die KI als Werkzeug nutzen, und Menschen, die von der KI genutzt werden.

In Design-Thinking-Workshops mit generativer KI erreichen Teilnehmende heute nach einem halben Tag einen Arbeitsstand, den frühere Jahrgänge am Ende eines ganzen Semesters nicht hatten. Das ist beeindruckend. Aber es ist nur dann ein Vorteil, wenn man weiss, wann man der Maschine vertraut – und wann dem eigenen Urteil.


Inspiriert durch Ethan Mollicks Newsletter «Management as AI superpower» (Januar 2026) und Erfahrungen aus meinen eigenen Workshops.

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