Die Radiologen sind nicht das Problem. Das System, das sie bezahlt, schon.

Die Politik entdeckt die Radiologen-Löhne und diskutiert Boni-Verbote. Dabei liegt das eigentliche Problem eine Ebene tiefer: Wir bezahlen Menge, nicht Wirkung. Eine Analyse, was KI im Gesundheitswesen wirklich sparen könnte — und warum sie es in diesem System nicht tun wird.
Die Radiologen sind nicht das Problem. Das System, das sie bezahlt, schon.

Ein Hackerangriff auf ein Westschweizer Radiologie-Unternehmen hat diese Woche etwas geleistet, wozu die Gesundheitspolitik in zwanzig Jahren nicht fähig war: Er hat Zahlen sichtbar gemacht. Grundlöhne ab 300'000 Franken. Bei einem Unternehmen mit 77,4 Millionen Umsatz und 12,9 Millionen Betriebsgewinn vor Abschreibungen.1 2 Und plötzlich reden alle über Ärztelöhne.

Die SVP will eine Volksinitiative für privatisierte Krankenversicherungen. Die SP will Boni im Gesundheitswesen verbieten. Die GLP will die Fehlanreize angehen. Die Gesundheitsministerin hat ihren Unmut geäussert.3 Im nächsten Monat kommen die neuen Prämien: Das BAG rechnet mit 4,5 bis 5 Prozent Aufschlag.4

Ich habe kein Interesse daran, mich an einer Neiddebatte zu beteiligen. Ein Radiologe hat über ein Jahrzehnt Ausbildung hinter sich und trifft Entscheidungen, bei denen Fehler Menschen umbringen. Wer glaubt, das Problem sei mit einem Lohndeckel gelöst, hat nicht verstanden, wie das System funktioniert.

Denn die Löhne sind nicht die Ursache. Sie sind das Ergebnis.

Was die Zahlen tatsächlich zeigen

Medizinische Bildgebung kostet die obligatorische Krankenpflegeversicherung rund 2,1 Milliarden Franken pro Jahr. Zwischen 2019 und 2023 sind diese Kosten im Schnitt um 5,3 Prozent jährlich gewachsen — schneller als die Gesundheitskosten insgesamt.5 Bei etablierten Radiologiepraxen wurden Margen von bis zu 47 Prozent des Umsatzes ermittelt.5

Interessanter als die Marge ist die Frage, woher sie kommt. Nicht daher, dass Radiologen betrügen. Sondern daher, dass ein MRI-Gerät, das läuft, Geld verdient, und ein MRI-Gerät, das stillsteht, keins. Der Tarif belohnt die durchgeführte Untersuchung. Er fragt nicht, ob sie nötig war.

Stefan Neuner-Jehle von der Universität Luzern schätzt, dass bei gewissen Untersuchungen und Eingriffen bis zu ein Drittel unnötig ist.6 Eine vom BAG in Auftrag gegebene Studie beziffert die Ineffizienz im Schweizer Gesundheitswesen auf 7 bis 8 Milliarden Franken jährlich — 16 bis 19 Prozent der KVG-Kosten, oder 850 bis 1'000 Franken pro Kopf und Jahr. Rund zehn Prozent aller Labortests werden doppelt gemacht, weil die Information zwischen den Beteiligten nicht fliesst.7 Santésuisse korrigiert jedes Jahr Arztrechnungen im Umfang von rund 3 Milliarden Franken, bevor sie ausbezahlt werden. Ein hoher dreistelliger Millionenbetrag bleibt trotzdem unentdeckt.8

Das ist die eigentliche Geschichte. Nicht ein Lohn von 300'000 Franken, sondern Milliarden, die für Leistungen ausgegeben werden, die niemandem helfen.

Wo KI messbar wirkt

Und hier wird es für mich interessant, weil das genau die Sorte Problem ist, bei der KI nicht als Buzzword taugt, sondern als Werkzeug.

Im Januar hat The Lancet die Endergebnisse der MASAI-Studie publiziert. Über 105'000 schwedische Frauen, randomisiert, KI-gestütztes Mammografie-Screening gegen die übliche Doppelbefundung durch zwei Radiologen. Ergebnis: 9 Prozent mehr entdeckte Karzinome. 12 Prozent weniger Intervallkarzinome. 27 Prozent weniger aggressive Subtypen. Falsch-positive Befunde praktisch unverändert. Und der Aufwand für das Befunden sank um 44 Prozent.9

Lesen Sie den letzten Satz nochmals. Bessere Medizin bei knapp der Hälfte des radiologischen Leseaufwands. Das ist kein Pilotprojekt und kein Anbieter-Whitepaper, das ist eine randomisierte kontrollierte Studie mit über hunderttausend Teilnehmerinnen.

Der zweite Hebel liegt nicht in der Diagnostik, sondern im Papierkram. Eine im Oktober 2025 in JAMA Network Open publizierte Untersuchung mit 263 Behandelnden in sechs Gesundheitssystemen zeigte, dass Ambient-KI — Systeme, die das Patientengespräch mithören und die Dokumentation selbst schreiben — den Burnout-Anteil von 51,9 auf 38,8 Prozent senkte.10 Ärztinnen und Ärzte, die weniger Abende mit Berichten verbringen, kündigen seltener. Und jede Kündigung im Fachkräftemangel kostet mehr als jedes Softwareabo.

Dritter Hebel: die Rechnungskontrolle. Wenn Santésuisse mit heutigen, teilweise regelbasierten Verfahren 3 Milliarden korrigiert und trotzdem hunderte Millionen durchrutschen, dann ist das exakt die Aufgabenstellung, für die Mustererkennung gebaut wurde.

Der Haken, den niemand gerne ausspricht

Jetzt kommt der Teil, den die meisten KI-Berater weglassen, weil er das Verkaufsgespräch verkompliziert.

Nichts von alledem senkt automatisch Ihre Prämie.

Das Peterson Health Technology Institute hat genau das untersucht und formuliert es unangenehm präzise: Die Frage sei nicht, ob KI die Kosten senken kann, sondern ob sie es wird.11 In einem System, das pro Leistung vergütet, ist ein Effizienzgewinn für den Leistungserbringer erst einmal ein Umsatzverlust. Wer schneller befundet, verdient nicht mehr Geld — ausser er befundet mehr. Genau das passiert: Ambient-Dokumentationssysteme werden dort, wo sie im Einsatz sind, teilweise dazu genutzt, pro Patient mehr abrechenbare Positionen zu belegen, nicht dazu, Kosten zu senken.11

Ein MRI, das dank KI doppelt so schnell befundet wird, macht das MRI nicht überflüssig. Es macht Platz für das nächste. Und da der Tarif jede Untersuchung vergütet, ist die betriebswirtschaftlich rationale Reaktion auf KI in einem Mengensystem: mehr Menge.

KI ist ein Verstärker. Sie verstärkt, was das System belohnt. Belohnt das System Wirkung, verstärkt sie Wirkung. Belohnt es Volumen, verstärkt sie Volumen — nur schneller, billiger pro Einheit und mit besserer Dokumentation.

Deshalb ist die Debatte über Boni-Verbote und Lohndeckel nicht falsch, aber sie greift an der falschen Stelle an. Seit dem 1. Januar gelten Tardoc und ambulante Pauschalen. Pauschalen sind der interessantere Teil davon, weil sie zum ersten Mal seit langem die Gleichung ändern: Wer pauschal vergütet wird, verdient an der Effizienz, nicht an der Menge. Erst in so einem Rahmen wird KI vom Umsatzbeschleuniger zum Kostensenker.

Konsequent gedacht heisst KI im Gesundheitswesen also nicht: Wir kaufen Algorithmen. Es heisst: Wir bezahlen Ergebnisse und lassen die Algorithmen dann für uns arbeiten. Die Technologie ist da. Die Evidenz ist da. Was fehlt, ist die Zahlungslogik.

Was das für ein Schweizer KMU bedeutet

Sie führen keine Radiologiepraxis. Aber die Mechanik ist in jedem Unternehmen dieselbe, und ich sehe sie in fast jedem Beratungsmandat.

Wenn Sie KI in einen Prozess einbauen, der Aufwand belohnt statt Ergebnis, bekommen Sie mehr Aufwand. Schneller produziert, hübscher formatiert, in grösserer Menge. Die Agentur, die nach Stunden abrechnet, hat kein Interesse daran, dass die KI Stunden spart. Der Vertrieb, dessen Bonus an der Anzahl Offerten hängt, produziert mit KI mehr Offerten, nicht bessere. Die Buchhaltung, die nach Belegen bezahlt wird, verarbeitet mehr Belege.

Die Frage vor jedem KI-Projekt ist deshalb nie «Welches Tool?». Sie lautet: Wofür bezahlen wir hier eigentlich — für Bewegung oder für Wirkung? Wer das nicht beantworten kann, kauft mit KI die teuerste Beschleunigung seines Lebens.

Ich habe das in meiner eigenen Firma durchgemacht. Als ich anfing, mit KI zu arbeiten, habe ich zuerst dasselbe gemacht wie vorher — nur mehr davon. Drei Konzeptvarianten statt einer. Nicht weil der Kunde drei brauchte, sondern weil es plötzlich ging. Das war kein Fortschritt. Das war Beschäftigung mit besseren Werkzeugen. Nützlich wurde es erst, als ich aufgehört habe zu fragen, was ich jetzt schneller machen kann, und angefangen habe zu fragen, was ich gar nicht mehr machen muss.

Das ist die unbequeme Version der KI-Geschichte. Sie macht nichts besser. Sie macht alles schneller — auch das Falsche.

Und deshalb wird die nächste Prämienrunde uns wieder erwischen, während in Schweden zwei Radiologen mithilfe einer KI bei halbem Aufwand mehr Brustkrebs finden als ohne sie.


Wenn Sie in Ihrem Unternehmen gerade überlegen, wo KI wirklich etwas bringt und wo sie nur die bestehenden Fehlanreize beschleunigt: Genau darum geht es in meinen Workshops. Kein Toolgeschwätz, sondern die Frage, welche Arbeit Sie behalten wollen.


Quellen:

  • SRF/RTS, «Datenleck gibt Einblick: Die Radiologie lastet immer schwerer auf dem Gesundheitswesen», srf.ch
  • Beobachter, «Datenleak enthüllt Luxuslöhne in der Radiologie», beobachter.ch
  • 20 Minuten, «Hohe Radiologen-Löhne: Was die Politik nun gegen steigende Krankenkassenprämien plant», 21.8.2026, 20min.ch
  • 20 Minuten, «BAG: Krankenkassenprämien steigen wieder um vier Prozent oder mehr», 26.5.2026, 20min.ch
  • SRF/RTS, ebenda. Kostenschätzung der Eidgenössischen Finanzkontrolle zur medizinischen Bildgebung. 2
  • SRF, «Teure Überversorgung: Rund ein Drittel gewisser medizinischer Eingriffe ist unnötig», 31.1.2025, srf.ch
  • WIG/INFRAS-Studie im Auftrag des BAG, zusammengefasst bei CSS Dialog, «Grosses Effizienzpotential im Gesundheitswesen», dialog.css.ch
  • Beobachter, «Falsche Arztrechnungen kosten uns Hunderte Millionen Franken», beobachter.ch
  • MASAI-Studie, The Lancet, 30.1.2026, thelancet.com; Zusammenfassung bei ecancer.org
  • JAMA Network Open, «Use of Ambient AI Scribes to Reduce Administrative Burden and Professional Burnout», 2.10.2025, zusammengefasst bei der American Medical Association
  • Peterson Health Technology Institute, «AI Has the Potential to Lower Healthcare Spending. Will it?», phti.org 2
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