Lasst euch den Start subventionieren
Sam Altman hat etwas zugegeben, das man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte: OpenAI verliert Geld mit seinem teuersten Abo. 200 Dollar pro Monat — und trotzdem ein Verlustgeschäft, weil die Leute es «viel mehr nutzen als erwartet».¹
Halten wir kurz inne. Wenn das teuerste Abo am Markt die eigenen Kosten nicht deckt — was bedeutet das dann für die 20-Dollar-Abos, mit denen die meisten täglich arbeiten?
Es bedeutet: Wir zahlen gerade nicht den echten Preis. Die Differenz übernimmt jemand anderes.
Die grösste Rabattaktion der Wirtschaftsgeschichte
Die Zahlen dahinter sind öffentlich. OpenAI hat 2025 rund 13 Milliarden Dollar umgesetzt und dabei etwa 9 Milliarden Verlust gemacht. Für 2028 rechnet das Unternehmen selbst mit einem Betriebsverlust von gegen 74 Milliarden. Profitabel will es erst 2029 oder 2030 werden — bis dahin sind über 115 Milliarden Dollar Cashburn eingeplant.² Bei Anthropic sieht die Struktur ähnlich aus, bei Google auch. Die ganze Branche verkauft ihre Leistung unter den Kosten.
Das ist keine Wohltätigkeit. Investoren finanzieren diese Verluste, um Marktanteile zu kaufen. Sie und ich sind die Marktanteile. Jeder, der heute für 20 oder 200 Franken im Monat mit einem Spitzenmodell arbeitet, bezieht Rechenleistung, die den Anbieter ein Mehrfaches kostet.
Ich habe an dieser Stelle schon einmal darüber geschrieben, warum man sich von dieser Grosszügigkeit nicht einlullen lassen darf — Stichwort Abhängigkeit und Vendor Lock-in. Heute geht es um die andere Seite derselben Medaille: Man darf diese Subvention nutzen. Man sollte sogar. Wer die subventionierte Phase verstreichen lässt, verpasst nicht ein Schnäppchen. Er verpasst das günstigste Lernfenster, das es je geben wird.
Das Fenster schliesst sich bereits an den Rändern
Die ersten Anzeichen sind da. GitHub pausierte zeitweise Neuanmeldungen für Copilot, weil sich die wöchentlichen Betriebskosten innert Monaten verdoppelt hatten. Cursor stellte auf nutzungsbasierte Abrechnung um. Anthropic testete, sein Programmierwerkzeug aus dem günstigen Abo zu nehmen und nur noch in den teuren Stufen anzubieten.³ Das Muster ist immer dasselbe: Zuerst trifft es die Vielnutzer, dann die Flatrates, dann alle.
Der Ehrlichkeit halber: Ich glaube nicht, dass KI insgesamt viel teurer wird. Die Kosten pro erledigter Aufgabe sinken seit Jahren, und die Konkurrenz unter den Anbietern drückt die Preise weiter. Was verschwindet, ist etwas anderes — das Arbitrage-Geschäft, bei dem Sie für einen Pauschalpreis das Zwanzig- oder Fünfzigfache an Rechenleistung beziehen können. Diese Grosszügigkeit trägt niemand ewig. Und noch etwas verschwindet nicht, sondern wächst: der Preis des Rückstands.
Die eigentliche Subvention ist nicht der Preis
Denn das Missverständnis beim Thema KI-Kosten sitzt tiefer. KI einführen heisst nicht Software kaufen. Es heisst, die eigene Arbeitsweise umbauen — herausfinden, welche Aufgaben die Maschine gut erledigt, welche nicht, wo der Mensch prüfen muss, wie sich Abläufe verändern. Das dauert. In meiner Erfahrung sechs bis achtzehn Monate, bis ein Betrieb das wirklich im Griff hat. Und es gehört dazu, dabei Fehler zu machen.
Genau diese Fehler sind heute spottbillig. Ein gescheiterter Versuch kostet aktuell ein Abo für 30 Franken und ein paar Tage Zeit. Was dabei entsteht, ist Kompetenz — und Kompetenz verzinst sich. Wer heute lernt, welche Prozesse sich eignen, hat in zwei Jahren eingespielte Systeme. Wer dann erst startet, beginnt bei null: zu ehrlichen Preisen, unter Zeitdruck, gegen Konkurrenten mit zwei Jahren Vorsprung. Das ist die doppelte Rechnung des Wartens — höhere Preise und Aufholjagd, gleichzeitig.
Vom Abo zur massgeschneiderten Lösung
Und es geht um mehr als den geschickten Umgang mit einem Chatfenster. Das Abo ist die Einstiegsstufe. Der eigentliche Hebel liegt eine Ebene höher: Lösungen, die auf Ihren Betrieb zugeschnitten sind. Ein System, das Offerten nach Ihrer Logik vorbereitet. Eines, das Ihr über Jahre gewachsenes Firmenwissen durchsuchbar macht. Eines, das aus einem Kundengespräch ein sauberes Protokoll mit offenen Punkten baut — so, wie Sie es brauchen, nicht so, wie ein Tool-Anbieter es sich vorstellt.
Solche Lösungen waren bis vor Kurzem Softwareprojekte mit sechsstelligem Budget und einem Jahr Laufzeit. Heute entstehen sie in Wochen — weil die Modelle die schwere Arbeit übernehmen und weil jeder Prototyp, jeder Testlauf, jede verworfene Variante auf Rechenleistung läuft, die unter ihren Kosten verkauft wird. Die Entwicklung massgeschneiderter KI-Lösungen ist gerade genauso subventioniert wie das 20-Franken-Abo. Das ist die eigentliche Gelegenheit, und sie wird selten so benannt.
Was allerdings in keinem Abo steckt, ist das Denken davor. Welcher Prozess trägt eine solche Lösung? Wo rechnet sie sich, wo ist sie Spielerei? Wie fliesst sie in den Alltag ein, ohne dass das Team sie umgeht? Wo muss zwingend ein Mensch prüfen? Das ist Konzeptionsarbeit — und sie entscheidet darüber, ob KI im Betrieb ein Spielzeug bleibt oder ein System wird, das arbeitet. Die Rechenleistung ist subventioniert. Das richtige Denken nicht. Aber auch hier gilt: Es war nie günstiger, es sich zu leisten, weil jede Idee sofort und fast gratis am echten Fall getestet werden kann statt auf dem Papier.
Ich rede hier nicht theoretisch. Ich entwickle, solange Experimentieren fast nichts kostet und Fehler günstig sind. Nicht weil ich glaube, dass die Bedingungen ewig so bleiben. Sondern weil ich weiss, dass sie es nicht tun.
Was bedeutet das für ein Unternehmen in der Schweiz?
Konkret: Ein KMU mit zehn bis fünfzig Mitarbeitenden kann heute alles Wesentliche testen — Textarbeit, Offerten, Auswertungen, Recherche, Protokolle — für weniger als 100 Franken pro Monat und Person, oft deutlich weniger. Und eine massgeschneiderte Lösung für einen einzelnen Prozess, die vor zwei Jahren ein IT-Projekt gewesen wäre, liegt heute im Budgetrahmen eines Messeauftritts. Kein Grossprojekt, keine Beraterarmee. Das Einstiegsrisiko war noch nie so klein. Das Warterisiko wächst dagegen jeden Monat, in dem die Konkurrenz lernt und Sie nicht.
Meine Empfehlung ist darum nicht «alles auf KI». Sie ist bescheidener und dafür machbar: Wählen Sie einen einzigen Prozess, der wiederkehrend ist und Zeit frisst. Starten Sie mit einem günstigen Abo, um ihn zu verstehen. Und wo das Abo an die Grenze kommt, denken Sie eine Stufe weiter — dorthin, wo eine zugeschnittene Lösung den Prozess ganz übernimmt. Messen Sie nach drei Wochen. Dann entscheiden Sie über den nächsten Schritt — mit eigener Erfahrung statt mit Folien von anderen.
Lassen Sie sich den Start subventionieren. Die Rechnung dafür bezahlt im Moment jemand anderes. Freiwillig.
Was Ihnen niemand subventioniert, ist die Konzeption: herauszufinden, welcher Prozess sich trägt und wie die Lösung in Ihren Betrieb passt. Genau dafür gibt es das Erstgespräch. Eine Stunde, Ihre Abläufe, eine ehrliche Einschätzung — auch wenn sie lautet, dass Sie noch nicht starten sollten.
Quellen:
- TechCrunch: «OpenAI is losing money on its pricey ChatGPT Pro plan, CEO Sam Altman says», Januar 2025 (techcrunch.com)
- Fortune: OpenAI plant Verluste bis 2028 (~74 Mrd. Betriebsverlust), Cashflow-positiv ab 2029/2030, kumulierter Cashburn ~115 Mrd. Dollar (fortune.com)
- christos.studio: «Kosten für KI steigen: Warum KI-Abos teurer werden» — GitHub Copilot Anmeldestopp und Kostenverdopplung, Cursor nutzungsbasierte Abrechnung, Anthropic Abo-Tests (christos.studio/ki-kosten)
- Martin Kässler: «KI Abokosten — Der grosse Preisvergleich 2026» (martinkaessler.com)
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