Das stille Einvernehmen: Warum Unternehmen verschweigen, dass sie mit KI arbeiten
Vor ein paar Wochen habe ich für einen Kunden einen Workflow gebaut. Nichts Spektakuläres — eine Kombination aus automatisierter Textanalyse und strukturierter Datenaufbereitung, die seinem Team pro Woche rund zwölf Stunden spart. Als ich fragte, ob ich darüber berichten darf, kam die Antwort sofort: «Bitte nicht. Wenn die sehen, dass wir das mit KI machen, kürzen sie uns das Budget.»
«Die» — das sind je nach Gespräch die Geschäftsleitung, der Auftraggeber oder die Einkaufsabteilung. Und dieser Kunde ist kein Einzelfall. In den letzten Monaten habe ich diese Reaktion so oft gehört, dass ich angefangen habe, sie als Muster zu begreifen. Unternehmen nutzen KI. Sie profitieren davon. Und sie wollen auf keinen Fall, dass jemand davon erfährt.
Die Logik dahinter
Die Rechnung ist simpel: Wenn eine Aufgabe bisher 40 Stunden pro Woche brauchte und jetzt mit KI-Unterstützung nur noch 15, dann hat das Team entweder mehr Kapazität — oder jemand stellt die Frage, ob man nicht mit weniger Leuten auskommt. In Agenturen und Beratungsfirmen ist die Dynamik noch direkter. Wer nach Stunden abrechnet und plötzlich dreimal schneller liefert, hat ein Erklärungsproblem.
Das ist kein Schweizer Phänomen. Eine Analyse von Future of Consulting zeigt: Grosse Beratungshäuser investieren massiv in KI — behalten die Effizienzgewinne aber intern, statt sie an Kunden weiterzugeben.[1] Bei McKinsey sind Ende 2025 erst rund 25 Prozent der Honorare an Ergebnisse statt an Aufwand gekoppelt. Die restlichen 75 Prozent laufen nach wie vor über Zeit und Material — ein Modell, das KI-Effizienz unsichtbar macht.
Bei Anwaltskanzleien in den USA stieg der Umsatz 2024 um 13 Prozent, der Gewinn sogar um 17 Prozent — während die KI gleichzeitig die Bearbeitungszeit vieler Aufgaben drastisch verkürzte.[2] Die Effizienzgewinne landeten bei den Kanzleien, nicht bei den Mandanten.
Das Spiegelbild von «AI Washing»
Interessant ist, dass parallel ein genau gegenläufiges Phänomen existiert: «AI Washing» — Unternehmen behaupten, KI einzusetzen, obwohl sie es nicht tun, um modern zu wirken und Investoren anzulocken. Die US-Börsenaufsicht SEC hat 2024 erstmals Firmen dafür bestraft.[3]
Wir haben also zwei Seiten derselben Medaille. Die einen schmücken sich mit KI, die sie nicht nutzen. Die anderen verstecken KI, die sie täglich einsetzen. Beide tun es aus demselben Grund: um finanzielle Erwartungen zu steuern. Der Unterschied ist nur die Richtung.
Warum das nicht ewig gut geht
Die Strategie des Verschweigens funktioniert — aber nur auf Zeit. Und die Uhr läuft aus mehreren Gründen:
Kunden werden schlauer. Wer selbst anfängt, mit KI-Tools zu arbeiten, merkt schnell, was realistisch drei Stunden dauert und was dreissig. Laut einer Erhebung von Storyboard18 hinterfragen technikaffine Auftraggeber bereits jetzt Stundenaufwände, die vor zwei Jahren niemand angezweifelt hätte.[4] Je mehr KI-Kompetenz auf Kundenseite wächst, desto schwieriger wird es, alte Aufwände zu rechtfertigen.
Transparenz wird zum Wettbewerbsvorteil. Erste Agenturen und Beratungen gehen den umgekehrten Weg: Sie kommunizieren offen, wo KI zum Einsatz kommt, und rechnen nach Ergebnis statt nach Stunde ab. Das Beratungsunternehmen Globant hat 2025 ein Token-basiertes Abomodell lanciert — Kunden zahlen für Nutzung, nicht für Anwesenheit.[5] Wer als Letzter beim alten Modell bleibt, erklärt irgendwann nicht mehr seinen Mehrwert, sondern seine Intransparenz.
Schatten-KI frisst die Kontrolle. Die Bundesnetzagentur berichtet, dass bereits 10 Prozent der Beschäftigten in Deutschland KI-Tools ohne Wissen ihrer Vorgesetzten nutzen.[6] Wenn Mitarbeitende KI heimlich einsetzen und die Firma es offiziell leugnet, entsteht eine Governance-Lücke. Kein Qualitätsmanagement, keine Datenschutz-Prüfung, keine Leitplanken.
Das Vertrauensproblem. Wenn ein Kunde nachträglich erfährt, dass eine Leistung zu einem Bruchteil des kommunizierten Aufwands erbracht wurde, ist das ein Vertrauensbruch. Nicht weil KI schlecht wäre — sondern weil Verschweigen wie Täuschung wirkt, auch wenn es keine war.
Was das für KMU bedeutet
Für Schweizer KMU stellt sich die Frage anders als für Grosskonzerne. Wer 8 Mitarbeitende hat, kann sich keine doppelte Buchführung über Aufwand und echten Aufwand leisten. Gleichzeitig ist die Versuchung real: Der Handwerker, der seine Offerten neuerdings in der halben Zeit schreibt, hat keinen Anreiz, das dem Kunden mitzuteilen. Die Grafikagentur, die Entwürfe schneller liefert, will nicht, dass der Kunde den Stundenansatz hinterfragt.
Mein Rat — und er kommt aus eigener Erfahrung: Transparenz über den KI-Einsatz muss nicht bedeuten, den Preis zu senken. Sie bedeutet, das Preismodell zu verändern. Wer offen sagt «Ich nutze KI, deshalb sind Sie in zwei Tagen statt in zwei Wochen bedient», kann den Wert der Geschwindigkeit abrechnen statt die Stunden. Das erfordert ein Umdenken — weg vom Aufwand, hin zum Ergebnis.
Die Alternative ist, still zu halten und zu hoffen, dass niemand fragt. Das funktioniert heute. Vielleicht noch ein Jahr. Aber der Markt bewegt sich. Und wer als Letzter seine Karten aufdeckt, wird nicht als clever wahrgenommen — sondern als jemand, der etwas zu verbergen hatte.
Ich berate Schweizer KMU beim praktischen Einsatz von KI — nicht theoretisch, sondern aus dem eigenen Arbeitsalltag. Wenn Sie wissen wollen, wie ein ehrliches KI-Preismodell für Ihr Unternehmen aussehen könnte, melden Sie sich für ein Erstgespräch.
- Future of Consulting, «2026 Consulting's AI Revolution Update», futureofconsulting.ai↩︎
- Analyse zitiert in digitalagencynetwork.com, AI Agency Pricing Guide 2026↩︎
- SEC Enforcement Action gegen Delphia und Global Predictions, März 2024↩︎
- Storyboard18, «Did AI change agency billing logic in 2025?», storyboard18.com↩︎
- Globant «AI Pods»-Modell, berichtet u.a. in media-marketing.com, 2025↩︎
- Bundesnetzagentur / Bitkom-Studie, «KI in Unternehmen», 2025↩︎
Jede Woche Erkenntnisse aus meiner Arbeit mit KI: Was funktioniert, was nicht, und was für Ihr Unternehmen relevant ist.
Mitgliederdiskussion