KI ganz konkret: Für Treuhand & Revision
Zwei Firmen, zwei Buchhaltungen, MwSt-Abrechnungen, und vieles mehr — ich kenne die Treuhandbranche von der Kundenseite. Und ich kenne den Moment im Januar, wenn der Treuhänder fragt, ob die Belege vom vierten Quartal wirklich vollständig sind. Sind sie meistens nicht.
Aber die Branche kenne ich auch von einer anderen Seite. Ich gehörte damals zu den Beta-Testern von KLARA, als die Plattform noch in den Kinderschuhen steckte. Und mein ehemaliger Treuhänder David Schnetzer arbeitet inzwischen bei BAYO Solutions, einem Schweizer Anbieter von CRM- und DMS-Lösungen für Treuhandfirmen, Broker und Kanzleien — und ist dort Kunde von Soda Film. So schliesst sich der Kreis: Ich kenne die Branche als Mandant, als Filmemacher und als KI-Berater.
Was ich als Kunde und als Berater sehe: Ein Beruf, der zu einem grossen Teil aus repetitiver Präzisionsarbeit besteht. Belege erfassen, kontieren, abstimmen. Lohnläufe vorbereiten. Steuererklärungen zusammenstellen. Und dazwischen die eigentliche Arbeit, für die Mandanten einen Treuhänder beauftragen: Einordnung, Beratung, Strategie. Nur kommt man dazu oft erst am Abend, wenn die Pflichtarbeit erledigt ist.
Der Hebel für KI liegt nicht in der Beratung selbst — sondern in allem, was davor kommt.
Wo KI in der Treuhandbranche heute schon funktioniert
Belegverarbeitung und Kontierung. Das Sortieren, Erfassen und Verbuchen von Belegen ist die Königsdisziplin der Repetition. Ein Treuhandbüro mit 200 Mandanten verarbeitet pro Jahr Zehntausende Belege — Rechnungen, Quittungen, Bankauszüge. Tools können Belege heute automatisch klassifizieren und Verbuchungsvorschläge machen. Die KI lernt aus den Korrekturen und wird mit der Zeit genauer. Das ersetzt niemanden, aber es verschiebt die Arbeit: Statt jeden Beleg von Grund auf zu verbuchen, prüft und bestätigt man Vorschläge. Das geht schneller — deutlich schneller.
Jahresabschluss und Reporting. Die Aufbereitung von Jahresrechnungen folgt klaren Regeln: OR, Swiss GAAP FER, bei grösseren Mandanten IFRS. Vieles davon ist Strukturarbeit — Zahlen in die richtige Form bringen, Anhänge formulieren, Vorjahresvergleiche erstellen. Sprachmodelle können aus Rohdaten einen ersten Entwurf des Anhangs generieren, Standardformulierungen vorschlagen und Abweichungen zum Vorjahr identifizieren. Der Treuhänder prüft, ergänzt, unterschreibt. Aber der erste Durchgang — der dauert statt drei Stunden noch dreissig Minuten.
Mandantenkommunikation. Treuhandfirmen kommunizieren viel — und oft in mehreren Sprachen. Bern ist zweisprachig, viele Mandanten sind international. Jede Steuerfrist löst eine Welle von E-Mails aus: Erinnerungen, Rückfragen, Bestätigungen. Ein Sprachmodell kann aus Stichworten eine saubere E-Mail formulieren — auf Deutsch, Französisch oder Englisch, im Ton des Büros. Keine generischen Textbausteine, sondern Entwürfe, die nach dem klingen, wie das Büro tatsächlich schreibt. Die Treuhänderin liest, passt an, schickt ab. Zeitersparnis pro Mail: fünf bis zehn Minuten. Bei zwanzig Mails am Tag läppert sich das.
Steuerrecherche und Regelwerk. Das Schweizer Steuerrecht ist kantonal, komplex und ändert sich regelmässig. Wer für einen Mandanten in Zürich und einen in Freiburg arbeitet, hat es mit unterschiedlichen Steuersätzen, Abzugsmöglichkeiten und Fristen zu tun. KI kann hier als Recherchetool dienen — nicht als rechtlich verbindliche Quelle, aber als schnellen Einstieg: «Wie hoch ist der Gewinnsteuersatz für juristische Personen im Kanton Bern 2026?» oder «Welche Änderungen gab es bei den Sozialversicherungsbeiträgen?» Das ersetzt kein Fachwissen, aber es beschleunigt den Weg dorthin.
Was nicht funktioniert
KI erstellt keine geprüfte Steuererklärung. Sie ersetzt keine Revisionsstelle und kein professionelles Urteil. Wer einem Sprachmodell die Buchhaltung eines KMU übergibt und das Ergebnis ungeprüft einreicht, handelt fahrlässig — und gefährdet das Wertvollste, das ein Treuhänder hat: das Vertrauen seiner Mandanten.
Auch bei der Belegverarbeitung gibt es Grenzen: Handgeschriebene Quittungen, unvollständige Belege, branchenspezifische Sonderfälle — hier braucht es weiterhin den Menschen, der versteht, was gemeint ist. Die KI-Mittelstandstudie 2024 zeigt, dass erst 9 Prozent der Schweizer KMU KI systematisch einsetzen. In der Treuhandbranche dürfte die Zahl ähnlich tief liegen — nicht weil die Technologie fehlt, sondern weil der Einstieg unklar ist.
Warum gerade jetzt
Die Treuhandbranche steht unter Druck — von mehreren Seiten gleichzeitig. Buchhaltungssoftware wie KLARA werden immer leistungsfähiger. Mandanten erwarten Echtzeitzugriff auf ihre Zahlen. Und der Fachkräftemangel trifft auch Treuhandbüros: Gute Buchhalterinnen und Revisoren sind schwer zu finden.
Gleichzeitig passiert international einiges: PwC erwartet für 2026 eine durchgängige KI-Automatisierung im Audit-Bereich. Die KI-Adoptionsrate in Wirtschaftsprüfungsfirmen ist von 9 Prozent im Jahr 2024 auf 41 Prozent im Jahr 2025 gestiegen.3 Das sind keine Schweizer Zahlen — aber der Trend ist klar.
Die Branche bewegt sich. Die Frage ist, ob man vorne mitgeht oder wartet, bis die Mandanten es erwarten.
Was das für Ihr Treuhandbüro heisst
Wenn Sie ein Büro mit drei bis zwanzig Mitarbeitenden führen, haben Sie vermutlich weder eine IT-Abteilung noch Zeit für ein halbjähriges Transformationsprojekt. Das brauchen Sie auch nicht. Der Einstieg kann ein einzelner Anwendungsfall sein: Mandantenkorrespondenz beschleunigen, Belegvorerfassung automatisieren, Steuerrecherche vereinfachen.
Roman Wey von der Aeberli Treuhand — einer der wenigen, die in der Branche offen über KI sprechen — empfiehlt, mit einem konkreten, messbaren Prozess zu starten und das Team von Anfang an einzubeziehen. Das deckt sich mit dem, was ich bei meinen KI-Beratungen immer wieder sehe: Die besten Ergebnisse entstehen nicht durch grosse Strategiepapiere, sondern durch einen konkreten ersten Schritt und die Bereitschaft, zwei Wochen lang etwas Neues auszuprobieren.
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