KI ganz konkret: Für Sportvereine & Verbände
Ich kenne die Welt der Clubs von innen — von einer Seite, die selten jemand sieht. Vier Jahre lang war ich Partner des BSC Young Boys und habe dort das «Projekt NFT» mit aufgebaut: digitale Sammelkarten, von der ersten Idee über den Pitch beim damaligen CEO bis zum ausverkauften Launch. Eine unbekannte Technologie in einen Traditionsclub bringen, ohne Blaupause: Wir gingen im Crypto-Sommer 2021 mit unseren animierten Spielerporträts live, waren nach drei Stunden ausverkauft — und überlebten danach den erbarmungslosen Crypto-Winter, den die meisten internationalen Projekte nicht überstanden. Das war First-Mile-Fun in Reinform. Heute bin ich Partner von Futsal Minerva, einem Berner Futsalverein. Der Kontrast zwischen diesen beiden Welten ist genau der Punkt, um den es in diesem Text geht.
Denn der grosse Proficlub hat eine gut eingespielte Kommunikationsabteilung. Der kleine Verein hat eine ehrenamtliche Person, die nach Feierabend den Matchbericht schreibt, den Newsletter verschickt, die Sponsoren betreut und nebenbei noch das Protokoll der letzten Vorstandssitzung nachreicht. Beide machen im Kern dasselbe — nur hat der eine ein Team dafür und der andere zwölf Aufgaben und einen Abend.
Für Futsal Minerva habe ich ein KI-gestütztes System gebaut, das einen Teil dieser Last übernimmt. Es funktioniert — so gut, dass wir es für die neue Saison weiter ausbauen.
Wo Ehrenamtliche überhaupt stehen
Eine Zahl macht das ganze Bild klar: 82 Prozent aller Schweizer Sportvereine haben keine einzige bezahlte Stelle.1 Sie funktionieren ausschliesslich über Ehrenamtliche. Insgesamt halten über 351'000 freiwillig Engagierte den Schweizer Vereinssport am Laufen — ein Aufwand, der kommerziell rund 24'000 Vollzeitstellen und 2,1 Milliarden Franken entspräche.1 Bei 18'310 Sportvereinen im Land ist das kein Randthema, sondern das Fundament.2
Diese Menschen geben im Schnitt elf Stunden pro Monat — neben Beruf und Familie.1 Jede Stunde, die für das Formulieren einer Mail oder das Aufsetzen eines Antrags draufgeht, ist eine Stunde weniger für das, weswegen sie eigentlich dabei sind: den Sport, die Fans, die Mannschaft. Genau hier setzt KI an, um ihnen den administrativen Ballast abzunehmen.
Wo KI im Vereinsalltag heute schon funktioniert
Kommunikation und Content. Das ist der grösste Hebel. Jedes Wochenende will ein Matchbericht geschrieben sein, jede Woche ein Social-Media-Post, jeden Monat ein Newsletter. Ein Sprachmodell macht aus drei Stichworten — Resultat, Torschützen, eine Szene — einen sauberen Spielbericht im Ton des Vereins. Nicht als Knopfdruck-Automatik, sondern als Entwurf, den der Vereinssekretär in zwei Minuten prüft und anpasst statt in dreissig Minuten von Grund auf zu tippen. Bei Soda Film sehe ich die verwandte Seite davon: Clubs brauchen heute Bewegtbild, Clips, Recaps. KI senkt die Schwelle, aus Rohmaterial etwas Vorzeigbares zu machen, deutlich.
Administration. Protokolle aus Sitzungsnotizen, Einladungen zur Generalversammlung, Statutenänderungen sauber formuliert, Vorstandsbeschlüsse dokumentiert. Das ist Strukturarbeit nach festen Mustern — die Disziplin, in der Sprachmodelle stark sind. Aus einer Audioaufnahme oder ein paar Stichpunkten wird ein ordentliches Protokoll, das nur noch gegengelesen werden muss.
Förderanträge und Sponsoring. Jugend+Sport-Gesuche, Beiträge von Sport-Toto, Gemeinde- und Stiftungsanträge: Vieles davon folgt wiederkehrenden Formularen und Begründungsmustern. KI hilft, aus den Eckdaten des Vereins einen überzeugenden ersten Entwurf zu bauen — und denselben Sachverhalt für drei verschiedene Geldgeber jeweils passend zu formulieren. Dasselbe gilt für Sponsoren-Dossiers und das Reporting danach, das viele Vereine fürchten, weil es Zeit frisst.
Mehrsprachigkeit. Bern ist zweisprachig, viele Vereine haben Mitglieder und Spieler aus aller Welt. Eine Einladung, ein Aushang, ein Elternbrief — auf Deutsch, Französisch und Englisch, im selben Ton. Was früher einen zusätzlichen Abend oder einen Gefallen beim mehrsprachigen Vorstandsmitglied brauchte, ist heute eine Sache von Minuten.
Was nicht funktioniert
KI ersetzt nicht das, was einen Verein ausmacht. Den Zusammenhalt, das Emotionale, die Beziehung zwischen Trainerin und Junioren, das gemeinsame Bier nach dem Spiel der ersten Mannschaft — das ist der Kern, und der bleibt menschlich. Ein KI-generierter Matchbericht ohne den Blick der Person, die das Spiel gesehen hat, klingt nach niemandem. Die Maschine liefert den Entwurf, nicht die Seele.
Und ein Punkt, der gerade auch im Sport entscheidend ist: Datenschutz im Jugendbereich. Ein grosser Teil der Vereinsmitglieder sind Kinder und Jugendliche. Deren Daten — Namen, Fotos, Adressen, Gesundheitsangaben — gehören nicht achtlos in ein beliebiges amerikanisches KI-Tool kopiert. Hier braucht es Sorgfalt: anonymisieren, wo möglich, und für heikle Daten Lösungen wählen, die in der Schweiz oder Europa gehostet sind. Wer das ignoriert, tauscht ein bisschen Zeitersparnis gegen ein echtes Risiko. Das ist kein Grund, KI zu meiden — aber ein Grund, sie mit Verstand einzusetzen.
Warum gerade jetzt
Die Ansprüche an Vereine steigen, während die Ressourcen gleich bleiben. Mitglieder erwarten heute die Kommunikation, die sie von den Grossen kennen: schnelle Resultate, Bilder, Social Media. Geldgeber wollen sauberes Reporting. Gleichzeitig wird es vielerorts schwieriger, Menschen für Vorstandsämter zu gewinnen — wer will schon ein Ehrenamt, das nach einem zweiten Job aussieht? Genau das ist der Punkt: Wenn KI den administrativen Teil eines Vereinsamts halbiert, wird das Amt wieder attraktiver. Es bleibt mehr Zeit für das, was Freude macht, und weniger für das, was abschreckt.
Das Schöne daran: Anders als bei der NFT-Geschichte von damals braucht es heute kein 50-seitiges Konzept und keinen Pitch beim CEO. Die Werkzeuge sind da, sie kosten wenig bis nichts, und der Einstieg dauert wenige Tage statt vier Jahre.
Und über den Sport hinaus
Was für Sportvereine gilt, gilt für fast jeden Verein in der Schweiz — Kulturvereine, Quartiervereine, Branchenverbände, gemeinnützige Organisationen. Überall dieselbe Struktur: viel Engagement, wenig bezahlte Hände, ein Berg an Kommunikation und Administration, der an ein paar Ehrenamtlichen hängt. Der Sport ist nur das deutlichste Beispiel, weil dort jedes Wochenende etwas passiert, über das berichtet werden will.
Was bedeutet das für einen Verein in der Schweiz? Fangen Sie bei der grössten Zeitfresserin an — meistens ist das die Kommunikation. Nehmen Sie sich einen Nachmittag, probieren Sie an einem echten Matchbericht oder Newsletter aus, was ein Sprachmodell daraus macht, und schauen Sie, wie viel vom nächsten Vorstandsabend Sie sich zurückholen. Mehr braucht es für den Anfang nicht.
Quellen
- Observatorium Sport und Bewegung Schweiz (sportobs.ch): Ehrenamtliche Arbeit im Sport — 351'000 Ehrenamtliche, 82 Prozent der Vereine ohne bezahlte Mitarbeitende, Marktwert rund 2,1 Mrd. Franken, durchschnittlich elf Stunden pro Monat.
- Schweizerischer Freiwilligen-Monitor / Migros-Kulturprozent, Factsheet Sportverein: 18'310 Schweizer Sportvereine, 22 Prozent der Bevölkerung in einem Sportverein aktiv.
Jede Woche Erkenntnisse aus meiner Arbeit mit KI: Was funktioniert, was nicht, und was für Ihr Unternehmen relevant ist.
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