KI ganz konkret: Für Schreinereien
Ich habe in den letzten Jahren einige Zeit in Schreinereien und Holzbetrieben verbracht — mit der Kamera. Sortimentsfilme für Jutzler im Emmental, einen Imagefilm für die Forstunternehmer Schweiz, einen Recruitmentfilm für Holzindustrie Schweiz. Für den VSSM durfte ich die Kampagne «Die Schreiner — Ihre Macher» mitkonzipieren und die visuellen Elemente wie Sponsorbillboards produzieren. Ich kenne den Geruch von frischem Holz, den Lärm der CNC-Fräse und den Moment, wenn der Schreinermeister am Feierabend noch zwei Stunden im Büro sitzt und Offerten schreibt.
Genau dieser letzte Punkt ist der Grund für diesen Artikel. Nicht die Fräse braucht KI. Aber das Büro dahinter — da liegt der Hebel.
Wo KI in der Schreinerei heute schon funktioniert
Offerten und Kalkulationen. Eine durchschnittliche Schreinerei schreibt zwischen 150 und 300 Offerten pro Jahr. Viele davon folgen ähnlichen Mustern: Einbauschrank, Küche, Badmöbel, Innenausbau. Die Positionen wiederholen sich, die Formulierungen auch — aber jede Offerte wird von Hand geschrieben, weil «jeder Kunde anders ist». Das stimmt teilweise. Aber der Rahmen ist oft derselbe. Ein Sprachmodell wie Claude kann aus einer kurzen Beschreibung — Material, Masse, Ausstattung — einen vollständigen Offertentext erstellen. Nicht als Copy-Paste-Lösung, sondern als Entwurf, den der Schreinermeister in zehn Minuten anpasst statt in einer Stunde schreibt.
Kundenvisualisierungen. Bei Jutzler habe ich gesehen, wie wichtig das Bild für den Kunden ist. Wer ein Schranksystem verkauft, muss zeigen können, wie es im Raum wirkt. Bisher brauchte das entweder teure 3D-Renderings oder viel Vorstellungskraft beim Kunden. Bildgeneratoren können heute aus einer Raumbeschreibung und einem Stil-Input realistische Visualisierungen erstellen. Kein Ersatz für technische Pläne, aber ein starkes Werkzeug im Verkaufsgespräch. Wenn der Kunde sieht, wie die Nussbaum-Front in seinem Schlafzimmer aussehen könnte, fällt die Entscheidung schneller.
Korrespondenz und Dokumentation. Bauabnahmen, Reklamationsschreiben, Lieferantenbestellungen, Arbeitszeugnisse — alles Texte, die geschrieben werden müssen und die vom Fachlichen her klar sind. Die Formulierung kostet Zeit, nicht das Wissen. KI kann hier den ersten Entwurf liefern, den man in der eigenen Sprache und mit den richtigen Details ergänzt. Das klingt nach Kleinkram, aber über ein Jahr summiert sich das auf Dutzende Stunden.
Materialrecherche und Normencheck. Holz ist ein reguliertes Material — Brandschutz, Minergie, SIA-Normen. Die Recherche, welche Platte welche Anforderung erfüllt, frisst Zeit. Sprachmodelle können technische Dokumentationen durchsuchen und zusammenfassen. Nicht als rechtlich verbindliche Auskunft, aber als schnellen Einstieg, der den Weg zum richtigen Produkt verkürzt.
Was nicht funktioniert
KI plant keine Küche. Sie ersetzt keine CAD-Software und keinen erfahrenen Schreiner, der weiss, dass ein Gehrungsschnitt in Eiche anders zu behandeln ist als in Fichte. Die handwerkliche Kompetenz bleibt unangetastet.
Auch bei Kundenvisualisierungen gibt es Grenzen: Generierte Bilder zeigen Stimmungen, keine massgenauen Pläne. Wer das verwechselt und dem Kunden ein KI-Bild als verbindliche Vorschau verkauft, hat nachher ein Problem. Und Offertentexte aus der KI müssen geprüft werden, ein falscher Preis oder eine vergessene Position kostet mehr als die gesparte Zeit.
Was ich in der Branche gesehen habe
Wenn man einen Recruitmentfilm für Holzindustrie Schweiz dreht, spricht man mit Lehrlingen und Ausbildnern. Wenn man Forstunternehmer porträtiert, steht man im Wald und hört, wie sich die Branche verändert. Und wenn man bei Jutzler die Produktion filmt, sieht man, wie ein Familienunternehmen mit über 100 Mitarbeitenden den Spagat zwischen Tradition und Innovation macht.
Was mir dabei aufgefallen ist — und das hat sich auch bei der Arbeit an der VSSM-Kampagne bestätigt: Die Holzbranche hat wenig Berührungsangst mit Technik. CNC-Maschinen, digitale Aufmassysteme, automatisierte Zuschnittplanung — das ist längst Alltag. Aber im Büro läuft vieles noch so wie vor zwanzig Jahren. Nicht aus Unwillen, sondern weil niemand gezeigt hat, dass es anders geht. KI ist der logische nächste Schritt — nicht in der Werkstatt, sondern am Schreibtisch daneben.
Was das für Ihre Schreinerei heisst
Wenn Sie einen Betrieb mit fünf bis dreissig Leuten führen, haben Sie vermutlich kein IT-Team und keine Lust auf ein sechsmonatiges Digitalisierungsprojekt. Das brauchen Sie auch nicht. Der Einstieg ist ein Sprachmodell, ein klarer Anwendungsfall — zum Beispiel Offerten — und zwei Wochen Ausprobieren.
Die Frage ist nicht, ob KI für Schreinereien relevant ist. Die Frage ist, wo sie bei Ihnen den grössten Unterschied macht. Das ist von Betrieb zu Betrieb verschieden, und genau das klären wir im KICKSTART-Paket: drei Monate, in denen wir Ihre Prozesse anschauen, die richtigen Tools finden und den ersten Workflow zum Laufen bringen. Pragmatisch, ohne Buzzwords — so wie man in einer Schreinerei halt arbeitet.
Jede Woche Erkenntnisse aus meiner Arbeit mit KI: Was funktioniert, was nicht, und was für Ihr Unternehmen relevant ist.
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