KI ganz konkret: Für Anwaltskanzleien & Notariate

Knapp 9'500 Advokatur- und Notariatsbüros zählt die Schweiz — die meisten sind kleine KMU. Ihr Geschäft ist hochwertige Textarbeit unter Zeitdruck. Genau dort hilft KI. Und genau dort lauert das Berufsgeheimnis.
KI ganz konkret: Für Anwaltskanzleien & Notariate

Für Kellerhals Carrard, eine der grössten Anwaltskanzleien der Schweiz, habe ich mit Soda Film über die Jahre einiges gedreht: Recruiting-Filme, Imagefilme, Partnerporträts. Wer für eine Kanzlei filmt, sitzt zwangsläufig nah dran — in den Büros, in den Sitzungszimmern, bei den Leuten. Und mir ist dabei etwas aufgefallen: Ein grosser Teil dieser Arbeit ist hochpräzise Textarbeit. Verträge lesen, mit anderen vergleichen, Risiken markieren, Formulierungen schärfen, recherchieren, Entwürfe schreiben. Anspruchsvoll, verantwortungsvoll — und in Teilen erstaunlich repetitiv.

Ich durfte sogar einmal bei einer Online-Lösung für einfache Verträge mitdenken. Nur eine Randnotiz — aber sie hat mir gezeigt, wie viel Standardisierbares im scheinbar Individuellen steckt.

Genau das ist der Stoff, mit dem Sprachmodelle gut umgehen. Und genau hier liegt für Kanzleien und Notariate die Chance — und die heikelste aller Fragen, das Berufsgeheimnis.

Die Schweiz zählte 2022 rund 9'497 Advokatur- und Notariatsbüros.1 Die grossen Wirtschaftskanzleien mit über hundert Berufsleuten sind die Ausnahme, die die Schlagzeilen macht. Die Regel ist die kleine bis mittlere Kanzlei: zwei, fünf, fünfzehn Personen, die Mandate, Fristen und Korrespondenz unter einen Hut bringen müssen. Das sind KMU im Wortsinn. Und für die lohnt ein nüchterner Blick darauf, wo KI heute schon trägt.

Wo KI in der Kanzlei heute schon funktioniert

Vertragsanalyse und -prüfung. Das ist die reifste Anwendung. KI-Systeme lesen einen Vertrag, erkennen die Parteien, bewerten Klauseln aus der Perspektive der eigenen Mandantschaft und markieren Risiken nach Schweregrad — mit konkretem Formulierungsvorschlag. Das Schweizer Tool Casus etwa läuft als Word-Add-in, prüft gegen hinterlegte Playbooks und liefert die Verbesserung direkt im Dokument.2 Für eine Kanzlei heisst das: Die erste Durchsicht eines 40-seitigen Vertrags dauert Minuten statt Stunden. Die juristische Beurteilung bleibt bei der Anwältin — aber sie startet nicht mehr bei null.

Rechtsrecherche. Statt sich durch Datenbanken zu klicken, lässt sich eine Rechtsfrage in natürlicher Sprache stellen und als strukturierte erste Übersicht beantworten. Wichtig: als Ausgangspunkt, nie als Endergebnis. Jede Fundstelle muss überprüft werden — dazu gleich mehr.

Dokumentenentwürfe. Schriftsätze, Standardverträge, Mietvertragsklauseln, Gesellschaftsdokumente, einfache Testamente — überall dort, wo es eine bewährte Struktur gibt, liefert ein Sprachmodell einen brauchbaren ersten Entwurf. Im Notariat gilt das für Routineurkunden und wiederkehrende Beglaubigungstexte genauso.

Due Diligence und Massenanalyse. Wer bei einer Transaktion hunderte Dokumente sichten muss, kann KI die Vorsortierung überlassen: relevante Klauseln finden, Abweichungen vom Standard markieren, Auffälligkeiten bündeln. Was früher ein Wochenende voller Aktenordner war, wird zur gezielten Prüfung der markierten Stellen.

Korrespondenz und Übersetzung. Die Schweiz ist mehrsprachig, und Mandate überschreiten Sprachgrenzen. Ein erster Entwurf der Mandantenkorrespondenz, eine Übersetzung eines Schriftsatzes ins Französische, eine verständliche Zusammenfassung eines komplexen Urteils für die Mandantschaft — alles Arbeitsentwürfe, welche die Fachperson prüft und freigibt.

Was nicht funktioniert

KI gibt keine Rechtsberatung. Sie haftet nicht, sie übernimmt keine Verantwortung, und sie unterschreibt keine Urkunde. Die Letztverantwortung bleibt zu hundert Prozent bei Anwältin und Notar.

Und sie erfindet. Sprachmodelle halluzinieren — sie generieren überzeugend klingende Urteile, Artikelnummern und Zitate, die es nicht gibt. International sind bereits Anwälte vor Gericht aufgeflogen, weil sie KI-erfundene Präjudizien eingereicht hatten. Wer eine Fundstelle nicht selbst nachprüft, riskiert nicht nur den Fall, sondern die eigene Glaubwürdigkeit.

Der wichtigste Punkt aber ist das Berufsgeheimnis. Es ist in Artikel 321 des Strafgesetzbuchs strafbewehrt — und es kennt keine Bequemlichkeitsausnahme für KI. Mandantendaten in ein offenes ChatGPT zu tippen, ist im Zweifel eine Verletzung. Der Schweizerische Anwaltsverband hat dazu eine Wegleitung veröffentlicht: Vertrauliche Informationen dürfen nicht an unbefugte Dritte gelangen, und ein KI-Anbieter darf nicht zum unbefugten Dritten werden.3 Praktisch heisst das: Schweizer Hosting, keine Datenweitergabe in die USA, keine Nutzung der Eingaben fürs Modelltraining, vertragliche Zusicherung der Vertraulichkeit — oder gleich eine On-Premise-Lösung im eigenen Netzwerk. Genau diese Lücke schliessen Schweizer Anbieter wie Casus mit Swiss Hosting und Zero Data Retention.2

Die Grenze ist also klar: KI für Struktur, Entwurf und Recherche — ja. Mandantendaten in ein beliebiges Cloud-Tool ohne geprüfte Vertraulichkeit — nein.

Warum gerade jetzt

Das Thema hat die Schweizer Rechtsbranche erreicht. Die Swiss Legal Tech Conference fand im März 2026 in Zürich statt und diskutierte offen, wie sich Kanzleien und Rechtsabteilungen neu organisieren müssen — inklusive Haftungsfragen beim KI-Einsatz.4 Mehrere Hochschulen bieten inzwischen Weiterbildungen zu Legal Tech und KI-Recht an. Die Werkzeuge sind da, sie sind Schweizer, und sie sind auf das Berufsgeheimnis ausgelegt.

Gleichzeitig steigt der Druck von zwei Seiten. Mandantinnen und Mandanten erwarten Tempo und scharfe Honorare — die fetten Jahre pauschaler Stundenansätze stehen zunehmend in Frage. Und der EU AI Act entfaltet 2026 seine Wirkung auch für Schweizer Akteure mit EU-Bezug. Wer den Einsatz von KI heute in einem kontrollierten, dokumentierten Rahmen lernt, baut Routine auf, bevor Mandanten und Markt sie voraussetzen.

Was das für Ihre Kanzlei heisst

Wenn Sie eine Kanzlei oder ein Notariat mit zwei bis zwanzig Personen führen, kämpfen Sie vermutlich nicht mit zu wenig Fachwissen, sondern mit zu wenig Zeit. Verträge stapeln sich, Fristen drücken, und die hochbezahlte juristische Beurteilung verschwindet zur Hälfte hinter Formatierung, Standardtext und Erstdurchsichten.

Der Einstieg muss nicht spektakulär sein. Er liegt dort, wo heute Stunden in Textarbeit fliessen, die wichtig, aber nicht der Kern Ihrer Kompetenz ist: die erste Vertragsdurchsicht, der Entwurf der Standardurkunde, die Übersetzung der Korrespondenz, die strukturierte Vorrecherche. Entscheidend ist, dass Sie es richtig aufsetzen — mit Werkzeugen, die das Berufsgeheimnis wahren, und mit klaren Regeln, was geprüft werden muss, bevor es das Haus verlässt.

Das BOOST-Paket ist für genau diese Ausgangslage gemacht: drei Monate, in denen wir Ihre Abläufe anschauen, die vertraulichkeitskonformen Werkzeuge auswählen und die ersten Workflows zum Laufen bringen — pragmatisch, vertraulich, und mit dem Verständnis, dass in Ihrer Arbeit jede Quelle stimmen und jede Akte geschützt sein muss.


Quellen

KI-Wissen, das Sie weiterbringt

Jede Woche Erkenntnisse aus meiner Arbeit mit KI: Was funktioniert, was nicht, und was für Ihr Unternehmen relevant ist.

Mitgliederdiskussion