Der KI-Einstieg ist kein Einmal-Projekt

Custom GPTs, die ich vor zwei Jahren für Kunden gebaut habe, hören am 11. Dezember auf zu existieren. Kein Einzelfall, sondern ein Muster. Warum der Einstieg in KI nie nur einmal stattfindet – und wie man klug damit umgeht.
Der KI-Einstieg ist kein Einmal-Projekt

Vor gut zwei Jahren habe ich für mehrere Kunden sogenannte Custom GPTs gebaut. Kleine, spezialisierte Assistenten in ChatGPT: einer beantwortete interne Fragen zum Reglement, einer schrieb Offertentexte im Tonfall der Firma, einer half beim Aufbereiten von Protokollen und ein weiterer unterstützte die Firma mit Social-Media-Posts. Sie liefen gut, sie wurden genutzt, sie haben Zeit gespart. Am 11. Dezember 2026 hören sie auf zu existieren.

Nicht, weil etwas kaputt gegangen wäre. Sondern weil OpenAI entschieden hat, das Format abzuschaffen.

Was genau passiert

Am 11. September 2026 hat OpenAI angekündigt, die Custom GPTs über alle ChatGPT-Abos hinweg einzustellen und die Nutzerinnen und Nutzer auf sogenannte Plugins umzulehren.1 Stichtag ist der 11. Dezember 2026: Dann sollen die GPTs und ihre Seiten nicht mehr erreichbar sein. Einzelne Enterprise-Kunden mit bewilligtem Aufschub erhalten bis Februar 2027 Zeit.2 Private Konten – also Free, Plus und Pro – konnten bereits seit dem 16. August keine neuen GPTs mehr erstellen.3

OpenAI bietet eine Migration an. Die Anweisungen eines GPTs werden dabei zu einem «Skill» innerhalb eines Plugins, hinterlegte Wissensdateien werden übernommen.4 Das klingt beruhigend, ist es aber nur zum Teil. Bisherige Unterhaltungen wandern nicht mit, die Freigabe-Einstellungen ebenfalls nicht – wer den GPT bisher genutzt hat, hat auf den Nachfolger nicht automatisch Zugriff. Und sogenannte Custom Actions, also Verbindungen zu externen Systemen wie einem CRM oder einer Datenbank, müssen komplett neu gebaut werden, über einen offiziellen Connector oder einen eigenen MCP-Server.4 OpenAI selbst warnt, dass migrierte Plugins sich anders verhalten können als das Original, und empfiehlt, sie mit bekannten Eingaben neu zu testen.2

Wer also einen GPT gebaut hat, der nur aus einem guten Prompt und ein paar PDFs besteht, kommt mit einem Nachmittag Arbeit davon. Wer einen GPT gebaut hat, der tatsächlich in die Firmenprozesse eingebunden war, baut neu.

Kein Einzelfall, sondern ein Muster

Man könnte das als Ausrutscher abtun. Ist es aber nicht. Schauen Sie sich an, was OpenAI allein in diesem Jahr ausser Betrieb nimmt:

Die Assistants API – die technische Grundlage, auf der viele Firmen ab 2024 ihre eigenen Chatbots bauten – wurde am 26. August 2026 abgeschaltet. Angekündigt ein Jahr zuvor, ersetzt durch die neue Responses API.5 Aufrufe an die alten Schnittstellen liefern seither schlicht Fehlermeldungen. Bemerkenswert: Die Assistants API hat den Beta-Status nie verlassen, wurde aber von vielen produktiv eingesetzt.

Noch kürzer lebte der Agent Builder, OpenAIs visueller Baukasten für KI-Agenten. Vorgestellt im Oktober 2025 mit grossem Getöse, im Juni 2026 bereits als veraltet markiert, Abschaltung am 30. November 2026.6 Rund vierzehn Monate von der Lancierung bis zum Ende. Wer im Frühling ein Projekt darauf gestartet hat, hat auf einem Fundament gebaut, das schon wieder abgebrochen wird.

Und es betrifft nicht nur OpenAI. Google beginnt laut Berichten Mitte November damit, seine «Gems» – das Gegenstück zu den Custom GPTs in Gemini – ebenfalls in Skills umzuwandeln.2 Die ganze Branche verabschiedet sich gerade vom Modell «ein massgeschneiderter Bot pro Aufgabe» und setzt auf modulare Bausteine. Das ist technisch vermutlich die richtige Richtung. Für die Firmen, die auf das alte Modell gesetzt haben, ist es trotzdem Arbeit.

Und die Grossen? Die sind im Abo gefangen

Nun könnte man sagen: Dann setzt man eben auf einen etablierten Anbieter mit langfristigen Verträgen. Microsoft 365 mit Copilot zum Beispiel. Das ist stabiler, ja. Aber es ist eine andere Art von Abhängigkeit.

Am 1. Juli 2026 hat Microsoft die Preise für einen Grossteil seiner Geschäftsabos erhöht. Microsoft 365 E3 stieg von 36 auf 39 Dollar pro Person und Monat, E5 von 57 auf 60, Business Standard von 12.50 auf 14 Dollar.7 Der Copilot selbst kostet in der Enterprise-Variante weiterhin 30 Dollar zusätzlich pro Arbeitsplatz – ein voll ausgestatteter Copilot-Platz landet damit schnell bei 69 bis 90 Dollar pro Monat.8 Und seit Mai gibt es mit E7 eine neue «Frontier Suite» für 99 Dollar, die Copilot und Agenten-Funktionen bündelt.9

Ich will Microsoft nicht schlechtreden. Für grosse Organisationen mit strengen Compliance-Anforderungen, zentraler IT und tausenden Arbeitsplätzen ist diese Welt oft die vernünftigste Wahl. Aber man muss sich im Klaren sein, was man kauft: Die KI-Fähigkeiten einer Firma sind dann exakt so gut, wie es das aktuelle Abo zulässt. Welche Funktionen dazukommen, welche verschwinden, was sie kosten und in welchem Paket sie stecken – das entscheidet Redmond, nicht Sie. Wer auf Gedeih und Verderb an eine Plattform gebunden ist, verhandelt nicht mehr, er erneuert.

Mein Ansatz: klein, günstig, amortisierbar

Aus diesen Erfahrungen habe ich für mich eine klare Linie gezogen. Ich baue für meine Kunden bewusst kleine, kostenvernünftige Lösungen. Solche, die sich innerhalb überschaubarer Zeit bezahlt machen – bevor sie vielleicht nicht mehr laufen oder schlicht veraltet sind.

Das ist keine Resignation, sondern eine Rechnung. Ein Beispiel: Eine Lösung kostet in der Umsetzung 3000 Franken. Sie spart einer Sachbearbeiterin zwei Stunden pro Woche. Bei internen Kosten von 80 Franken pro Stunde sind das 160 Franken pro Woche. Nach knapp 19 Wochen ist die Investition zurück. Alles, was danach kommt, ist Gewinn. Wenn der Anbieter die Plattform nach zwei Jahren umbaut, hat sich die Lösung fünfmal bezahlt gemacht. Dann baut man neu – mit besseren Werkzeugen und mehr Erfahrung.

Genau so rechnen wir in der Filmproduktion übrigens seit Jahrzehnten. Eine Kamera kauft man nicht für die Ewigkeit, sondern für die Jahre, in denen sie Aufträge einspielt. Niemand wäre auf die Idee gekommen, 2010 eine Kamera zu kaufen und zu erwarten, dass sie 2026 noch zeitgemäss ist. Bei KI-Lösungen gilt dasselbe, nur im Zeitraffer.

Was Unternehmen daraus lernen sollten

Der wichtigste Punkt: Der Einstieg in KI findet nicht einmal statt. Er ist kein Projekt mit Anfang und Ende, sondern ein laufender Prozess – eher vergleichbar mit der Buchhaltung als mit dem Kauf einer Maschine. Wer ein KI-Budget einmalig spricht und dann abhakt, wird in zwei Jahren überrascht.

Daraus folgen ein paar handfeste Überlegungen. Erstens gehört ins Budget nicht nur die Einführung, sondern auch eine Wartungsreserve. Wer heute eine Lösung baut, sollte damit rechnen, sie innerhalb von 18 bis 24 Monaten anpassen oder ersetzen zu müssen.

Zweitens: Das eigentliche Kapital ist nicht das Tool, sondern das, was darin steckt. Gute Prompts, sauber aufbereitete Wissensdokumente, klar beschriebene Abläufe. Wenn diese Dinge in einfachen, offenen Formaten vorliegen – Textdateien, Markdown, gut strukturierte Dokumente –, dann ist ein Plattformwechsel ärgerlich, aber machbar. Liegen sie nur in der Konfigurationsmaske eines bestimmten Anbieters, fängt man bei null an. Die Custom GPTs mit einfachen Anweisungen lassen sich jetzt in einer Stunde migrieren; das ist kein Zufall.

Drittens: Kompetenz schlägt Werkzeug. Mitarbeitende, die verstanden haben, wie man mit KI arbeitet, nehmen dieses Wissen in jedes neue Tool mit. Ein Team, das nur gelernt hat, auf einen bestimmten Knopf zu drücken, steht beim nächsten Umbau wieder am Anfang. Investitionen in Schulung altern deutlich langsamer als Investitionen in Software.

Viertens lohnt es sich, auf offene Standards zu achten. Das Model Context Protocol, kurz MCP, ist so ein Standard: eine gemeinsame Sprache, über die KI-Systeme verschiedener Anbieter mit Firmendaten und Werkzeugen reden können. Bezeichnenderweise empfiehlt OpenAI genau diesen Weg, um die wegfallenden Custom Actions zu ersetzen.4 Wer seine Anbindungen so baut, macht sich weniger abhängig von einem einzelnen Hersteller.

Und fünftens: Nicht jede Neuheit verdient sofort ein Produktivsystem. Der Agent Builder ist das beste Beispiel. Pilotieren ja, ausprobieren unbedingt – aber geschäftskritische Prozesse gehören auf Fundamente, die sich schon eine Weile bewährt haben, oder auf Lösungen, die so günstig sind, dass ihr Wegfall nicht weh tut.

Was bedeutet das für ein Unternehmen in der Schweiz?

Für die meisten KMU hierzulande ist die Konsequenz eher beruhigend als beängstigend. Sie müssen nicht die grosse Plattformentscheidung für die nächsten zehn Jahre treffen. Die gibt es im Moment schlicht nicht. Was Sie brauchen, ist eine Haltung: klein anfangen, schnell Nutzen erzeugen, sauber dokumentieren, regelmässig überprüfen. KI als laufende Aufgabe verstehen, nicht als abgeschlossene Anschaffung.

Die Frage ist also nicht «Welches KI-Tool sollen wir einführen?», sondern «Wie organisieren wir uns so, dass wir mit dem Tempo dieser Entwicklung Schritt halten, ohne jedes Mal alles neu zu erfinden?». Wer diese Frage ehrlich beantwortet, wird den nächsten Plattformumbau gelassen nehmen. Er kommt bestimmt.

Sie haben Custom GPTs oder andere KI-Lösungen im Einsatz und wissen nicht, was davon betroffen ist? Ich schaue mir das gerne mit Ihnen an – nüchtern, ohne Verkaufsdruck.


Quellen:

  1. OpenAI Help Center, «Custom GPT retirement and migration FAQ» sowie «Creating and editing GPTs», September 2026. https://help.openai.com/en/articles/20001519-custom-gpt-retirement-and-migration-faq ↩
  2. Absolute Geeks, «ChatGPT is killing custom GPTs, and the deadline is closer than you think», 28. September 2026. https://www.absolutegeeks.com/tech-news/chatgpt-is-killing-custom-gpts-and-the-deadline-is-closer-than-you-think/ ↩ ↩2 ↩3
  3. SQ Magazine, «OpenAI Blocks Personal Accounts From Building New GPTs», August 2026. https://sqmagazine.co.uk/openai-blocks-personal-accounts-new-gpts/ ↩
  4. Virtualization Review, «OpenAI to Retire Custom GPTs, Replace Them with Plugins», 28. September 2026. https://virtualizationreview.com/articles/2026/09/28/openai-to-retire-custom-gpts-replace-them-with-plugins.aspx ↩ ↩2 ↩3
  5. OpenAI Developers, «Deprecations» und «Assistants migration guide». https://developers.openai.com/api/docs/deprecations ↩
  6. OpenAI Developers, «Agent Builder» (Deprecation-Hinweis); OpenAI, «Introducing AgentKit» (Update vom 3. Juni 2026). https://developers.openai.com/api/docs/guides/agent-builder ↩
  7. Tech Jack Solutions, «Microsoft Copilot Pricing: 2026 Licensing Guide». https://techjacksolutions.com/ai-tools/microsoft-copilot/microsoft-copilot-pricing/ ↩
  8. Coworker.ai, «Microsoft Copilot Enterprise Pricing in 2026». https://coworker.ai/blog/microsoft-copilot-enterprise-pricing ↩
  9. LicenseQ, «Microsoft 365 Copilot Licensing: The Complete 2026 Guide». https://licenseq.com/microsoft-365-copilot-everything-you-need-to-know/ ↩
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