Kann KI witzig sein? Ein Selbstversuch mit erstaunlichen Ergebnissen

Ich habe Claude gebeten, mir einen Witz zu erzählen. Es war strukturell ein Witz. Und ungefähr so lustig wie eine Betriebsanleitung. Was KI bei Humor kann – und was nicht.
Kann KI witzig sein? Ein Selbstversuch mit erstaunlichen Ergebnissen

Ich habe Claude gebeten, mir einen Witz zu erzählen.

Die Antwort: «Warum hat der KI-Entwickler seinen Job verloren? Weil er zu viele Bugs hatte – und keiner davon war lustig.»

Das ist... strukturell ein Witz. Es hat einen Aufbau und eine Pointe. Es spielt mit Doppeldeutigkeit. Und es ist ungefähr so lustig wie eine Betriebsanleitung.

Willkommen in der Welt des maschinellen Humors. Wo vieles stimmt – aber irgendetwas fehlt.

Was KI kann: Muster erkennen

Humor folgt Mustern. Ambiguität, Überraschung, schnelle Auflösung einer Ungereimtheit – das sind die Grundbausteine der meisten Witze. Und genau darin sind Sprachmodelle überraschend gut. Besser, als man denken würde.

Ein ehemaliger Comedy-Autor für David Letterman hat ein Tool namens Witscript gebaut, das auf einem Sprachmodell basiert und Witze generiert. In einem Blindtest vor Publikum in Hollywood waren die KI-Witze gemessen an Lautstärke und Dauer des Gelächters gleichauf mit den menschlich geschriebenen. Das muss man sacken lassen: Gleichauf. Vor einem echten Publikum, das nicht wusste, wer den Witz geschrieben hatte.

Eine Studie hat KI-generierte Memes gegen menschliche getestet. Im Durchschnitt schnitten die KI-Memes sogar besser ab als die menschlichen – in Kreativität, Humor und Teilbarkeit. Allerdings: Die allerbesten Memes kamen trotzdem von Menschen.

KI produziert zuverlässig Humor auf solidem Niveau. Sie trifft den Durchschnitt besser als die meisten Menschen. Aber die Ausreisser nach oben – das Überraschende, Riskante, Geniale – kommen nicht von der Maschine.

Das Muster kennen wir inzwischen von überall: zu perfekt, um echt zu sein. Solide, aber ohne Seele.

Was KI nicht kann: den Raum lesen

Der entscheidende Unterschied zwischen einem technisch korrekten Witz und echtem Humor ist Kontext. Timing. Die Fähigkeit, zu spüren, was in diesem Moment, mit diesem Publikum, in dieser Stimmung funktioniert.

Forscher haben KI-Modelle mit Cartoons aus dem New Yorker getestet – das Magazin mit dem berühmten Cartoon-Wettbewerb, bei dem Leser Bildunterschriften einreichen. Die beste KI erreichte 62 Prozent Trefferquote beim Zuordnen von Witz zu Bild. Menschen lagen bei 94 Prozent. Und wenn die KI erklären sollte, warum etwas lustig ist, bevorzugten die Bewertenden die menschlichen Erklärungen zwei zu eins.

KI versteht die Struktur von Humor. Aber sie versteht nicht, warum etwas lustig ist. Sie kann Muster replizieren, aber sie kann keine Grenze ausloten. Guter Humor lebt davon, fast zu weit zu gehen – und genau rechtzeitig die Kurve zu kriegen. Das erfordert Empathie, Risikobereitschaft und ein Gespür für die Grenze des Zumutbaren. Alles Dinge, die ein Sprachmodell nicht hat.

Das Bias-Problem: Wenn KI lustig sein will, wird es heikel

Ein Doktorand an der Wharton School hat etwas Verstörendes herausgefunden. Er bat ein KI-Bildgenerierungstool, alltägliche Szenen lustiger zu machen. Die KI machte die abgebildeten Personen dicker, älter und sichtbehindert. Gleichzeitig sank die Darstellung von Minderheiten.

Das Modell hat aus Trainingsdaten gelernt, was «lustig» aussieht – und reproduziert die hässlichsten Stereotype, die in diesem Datensatz stecken. Nicht aus Bosheit, sondern aus Statistik. Und genau das macht es gefährlich: Die KI weiss nicht, dass sie diskriminiert. Sie optimiert auf Muster.

Für Unternehmen, die KI für Social Media oder Kundenkommunikation einsetzen, ist das ein reales Risiko. Ein Witz, der schlecht landet, kann mehr Schaden anrichten als zehn gelungene Kampagnen wieder gutmachen.

Mein eigener Test

Ich habe in den letzten Tagen verschiedene Modelle gebeten, Witze zu schreiben. Über KI, über die Schweiz, über das Älterwerden. Mein unwissenschaftliches Fazit:

Wortspiele funktionieren erstaunlich gut. Beispiel: «Was sagt ein Schweizer KI-Modell zum anderen? Grüezi, ich bin auch neutral.» Nicht brillant, aber solide. Die Doppeldeutigkeit sitzt.

Situationskomik funktioniert nicht. Ich habe Claude gebeten, einen Witz über einen Filmdreh zu schreiben, der schiefgeht. Die Antwort beschrieb eine Situation, die technisch absurd war, aber null Wiedererkennung auslöste. Wer noch nie an einem Set stand, merkt den Unterschied nicht. Wer dort war, merkt, dass die KI dort nie war.

Selbstironie funktioniert gar nicht. Ich bat Claude, sich selbst aufs Korn zu nehmen. Das Ergebnis klang wie eine False-Modesty-Antwort in einem Bewerbungsgespräch: «Manchmal bin ich zu hilfsbereit.» Echte Selbstironie setzt voraus, dass man seine Schwächen kennt – und den Mut hat, sie blosszustellen. Eine Maschine hat weder das eine noch das andere.

Wo KI-Humor tatsächlich funktioniert

Zum Abschluss ein ehrliches Fazit: KI-Humor ist nicht so schlecht, wie mein Einstiegswitz vermuten lässt. Und nicht so gut, wie der Hollywood-Blindtest nahelegt. Die Wahrheit liegt – wie so oft – dazwischen.

Wo KI-Humor funktioniert: als Brainstorming-Partner. Wenn Sie zehn Varianten einer Headline brauchen und drei davon ein Schmunzeln auslösen sollen, liefert die KI zuverlässig. Als Sparringspartner für Wortspiele, für erste Entwürfe von Social-Media-Posts, für Ideen, auf die man selbst nicht gekommen wäre.

Wo er nicht funktioniert: als Ersatz für echten Witz. Für den Moment, in dem ein Vortrag eine überraschende Wendung braucht. Für den Newsletter-Opener, der Ihre Leser zum Lachen bringt, weil er genau ihre Lebenswelt trifft. Für alles, was Mut erfordert.

Die KI kann den Rohdiamanten liefern. Aber der Schliff – das Timing, das Risiko, die Menschlichkeit – bleibt bei Ihnen.

Humor ist vielleicht die ehrlichste Prüfung für künstliche Intelligenz. Denn Lachen lässt sich nicht faken. Entweder es kommt – oder es kommt nicht.


Quellen: Undark/Smithsonian – «Can AI Learn the Nuances of Human Humor?» (2025). Neuroscience News – «Can AI Be Funny?» (2025). Cornell University – New Yorker Cartoon Caption Study. Wharton School – Bias in AI-Generated Humor.

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