Die Firma, in der niemand arbeitet

Was passiert, wenn Firmen aus KI-Agenten normal werden? Eine Einordnung zwischen Altmans Versprechen vom Überfluss und Bostroms Frage nach dem Sinn, mit einem Blick ins Obligationenrecht, auf die AHV und auf die Frage, wer künftig noch das Handwerk lernt.
Die Firma, in der niemand arbeitet

Seit vier Jahren versuche ich, eine Firma zu bauen, in der niemand arbeitet. Ich habe es mit AutoGen von Microsoft probiert, mit ChatDev, das eine ganze Softwarefirma aus Agenten simuliert, mit CrewAI und zuletzt mit dem Agent Builder von OpenAI. Gescheitert bin ich regelmässig. Mal redeten die Agenten endlos aneinander vorbei, mal brach alles an einer simplen Dateisuche zusammen.

Diese Woche steht zum ersten Mal eine, die hält. Meine Werbeagentur hat 16 Mitarbeitende, ein Organigramm, Monatsbudgets und einen Orchestrator, der die Jobs verteilt. Kein einziger dieser Mitarbeitenden ist ein Mensch. Aufgebaut war sie in einem Arbeitstag, die Lohnsumme ist auf 182 Dollar pro Monat gedeckelt.

Sie heisst «Res Automatica», eine Anspielung auf res publica, die öffentliche Sache. Ihre Subline lautet: «Die Sache, die sich von selbst erledigt. Fast.» Auf dem «Fast» liegt das Gewicht. Denn an drei Stellen sagt ein Mensch Ja: beim Briefing, bei der Wahl der Idee und bei der Endabnahme. Alles dazwischen erledigen Agenten. Der erste Testlauf, eine Kampagne für ein fiktives Kaffee-Abo, lief durch: vom Briefing über Strategie, Ideen, Texte und Mediaplan bis zum freigabereifen Paket auf meinem Tisch. Nicht alles war brillant. Aber zum ersten Mal hat die Maschine als Firma funktioniert und nicht als Ansammlung von Chatbots.

Und es muss keine Werbeagentur sein. Dieselbe Struktur aus Orchestrator, Fachrollen und Freigaben passt auf jede Firma, deren Produkt Wissen ist: ein Treuhandbüro, eine Immobilienverwaltung, ein Übersetzungsbüro, eine Personalvermittlung. Überall dort, wo Arbeit heute aus Lesen, Schreiben, Rechnen und Abstimmen besteht.

Das Werkzeug dafür heisst Paperclip, ein Open-Source-Projekt für sogenannte «Zero-Human Companies». Agenten bekommen darin eine Rolle, einen Vorgesetzten und ein Budget mit hartem Stopp, Aufgaben laufen als Tickets durch die Hierarchie. Auf GitHub hat es über 84'000 Sterne.1 Microsoft nennt dasselbe Prinzip «Frontier Firm»: Menschen geben die Richtung vor, Agenten betreiben die Prozesse. 81 Prozent der befragten Führungskräfte erwarten, dass Agenten innert 12 bis 18 Monaten fester Teil ihrer KI-Strategie sind.2

Zwischen Überfluss und Sinnfrage

An Zukunftsbildern fehlt es nicht. Sam Altman, Chef von OpenAI, schreibt, ganze Klassen von Jobs würden verschwinden, gleichzeitig werde die Welt sehr schnell sehr viel reicher.3 Dario Amodei, Chef von Anthropic, warnt, KI könnte innert ein bis fünf Jahren die Hälfte der Einstiegsjobs im Büro verdrängen.4

Die Philosophen sind älter und vorsichtiger. John Maynard Keynes sagte 1930 voraus, seine Enkel würden um 2030 noch 15 Stunden pro Woche arbeiten.5 Mit der Produktivität hatte er recht, mit der Freizeit nicht. Nick Bostrom fragt in «Deep Utopia», was einem Leben Sinn gibt, wenn Maschinen alles besser können.6 Und Forschende warnen unter dem Titel «Gradual Disempowerment»: Wenn Staaten und Firmen menschliche Arbeit nicht mehr brauchen, verlieren sie auch den Anreiz, sich um Menschen zu kümmern.7 Kein Aufstand der Maschinen, sondern ein langsames Überflüssigwerden.

Die Praxis ist nüchterner. Anthropic liess einen Agenten einen Verkaufsautomaten betreiben. Zuerst machte er Verlust. Gewinn schrieb er erst, als er klare Abläufe bekam. Trotzdem liess er sich zu Termingeschäften mit Zwiebeln überreden, die in den USA seit 1958 verboten sind.8 Und Klarna holte Menschen in den Kundendienst zurück, nachdem ein KI-Assistent angeblich 700 Stellen ersetzt hatte.9 Die Lehre deckt sich mit meinen vier Jahren Scheitern: Eine Firma aus Agenten braucht mehr Struktur als eine mit Menschen, nicht weniger.

Die Schweiz hat das «Fast» ins Gesetz geschrieben

Eine Firma ganz ohne Menschen gibt es in der Schweiz nicht. Das Obligationenrecht verlangt, dass Mitglieder des Verwaltungsrats natürliche Personen sind und mindestens eine zur Vertretung berechtigte Person in der Schweiz wohnt.10 Irgendwer unterschreibt. Irgendwer haftet. Ein Agent kann einen Vertrag vorbereiten, verantworten kann er ihn nicht.

Das ist der Kern der Sache. Die Arbeitsteilung der Zukunft verläuft nicht zwischen Mensch und Maschine, sondern zwischen Ausführen und Verantworten. Das «Fast» in der Subline von Res Automatica ist also keine Marotte. Es ist Schweizer Recht.

Wenn die schnelle Firma auf die normale trifft

Eine Agenten-Firma beantwortet eine Offertanfrage in vier Minuten, um drei Uhr morgens. Die Antwort landet bei einem Einkäufer, der sie in drei Wochen an der nächsten Sitzung bespricht. Auf Dauer passt sich die langsamere Seite an. Google, Visa, Mastercard, OpenAI und Stripe bauen bereits Protokolle, mit denen Agenten im Auftrag von Menschen einkaufen und bezahlen.11 Bald kauft also nicht nur Ihr Kunde bei Ihnen ein, sondern sein Agent. Und der liest keine Hochglanzbroschüren, sondern Preise, Lieferbedingungen und strukturierte Daten.

Auch die Abrechnung nach Stunden verliert ihren Sinn, wenn ein Entwurf ein paar Franken Rechenzeit kostet. Wer Zeit gegen Geld tauscht, verkauft bald etwas, das immer billiger wird. Wer Urteil, Haftung und Beziehung verkauft, verkauft etwas, das knapp bleibt.

Wer lernt noch das Handwerk?

Die beunruhigendste Zahl kommt aus Stanford. In Berufen, die stark der KI ausgesetzt sind, liegt die Beschäftigung der 22- bis 25-Jährigen inzwischen 19 Prozent unter vergleichbaren Berufen. Ein Jahr zuvor waren es 13 Prozent. Ältere sind kaum betroffen.12

Agenten übernehmen zuerst die Arbeit, die früher die Jungen gemacht haben: recherchieren, zusammenfassen, Entwürfe schreiben. Genau an dieser Arbeit hat man das Handwerk gelernt. Für die Schweiz mit ihrem dualen Bildungssystem ist das heikel. Wer in zehn Jahren die Agenten führen soll, muss heute irgendwo lernen, was sie tun.

Dazu kommt eine Frage, die noch kaum jemand stellt. Die AHV wird zum grössten Teil über Lohnbeiträge finanziert. Eine Firma aus 16 Agenten und einem Verwaltungsrat zahlt kaum welche. Solange solche Firmen Experimente sind, spielt das keine Rolle. Werden sie normal, wird es politisch.

Was das für Schweizer KMU bedeutet

Die Schweizer KMU sind weiter, als man denkt. 74 Prozent nutzen oder testen KI, nur 12 Prozent rechnen mit Personalabbau.13 KI ist heute ein Werkzeug, noch keine Belegschaft. Der Übergang kommt in Etappen: Zuerst übernimmt ein Agent eine Routine, dann ein zweiter, und irgendwann braucht es jemanden, der sie koordiniert. In diesem Moment wird aus einem Werkzeug eine Organisation.

Drei Dinge würde ich jedem KMU heute empfehlen. Schreiben Sie Ihre Abläufe auf, denn Agenten können nur erledigen, was jemand beschrieben hat. Entscheiden Sie bewusst, wo ein Mensch Ja sagt, überall dort, wo Geld, Ruf oder Haftung im Spiel sind. Und behalten Sie die Jungen. Lassen Sie sie die Ergebnisse der Agenten prüfen, statt die Arbeit der Agenten zu machen. So lernen sie das Urteil, das sie später brauchen.

Die Firma, in der niemand arbeitet, ist noch Zukunft. Die Firma, in der Menschen vor allem entscheiden, hat bereits begonnen.


Ich berate Schweizer KMU beim praktischen Einsatz von KI, aus dem eigenen Arbeitsalltag und nicht aus dem Lehrbuch. Wenn Sie wissen wollen, welche Abläufe in Ihrem Unternehmen schon heute ein Agent übernehmen könnte und wo ein Mensch Ja sagen muss, melden Sie sich für ein Erstgespräch.


Quellen:

  1. Paperclip, GitHub-Repository: https://github.com/paperclipai/paperclip ↩
  2. Microsoft Work Trend Index 2025, «2025: The Year the Frontier Firm Is Born»: https://www.microsoft.com/en-us/worklab/work-trend-index/2025-the-year-the-frontier-firm-is-born ↩
  3. Sam Altman, «The Gentle Singularity», Juni 2025: https://blog.samaltman.com/the-gentle-singularity ↩
  4. Dario Amodei, «The Adolescence of Technology», Januar 2026: https://darioamodei.com/essay/the-adolescence-of-technology ↩
  5. John Maynard Keynes, «Economic Possibilities for our Grandchildren», 1930: https://en.wikipedia.org/wiki/Economic_Possibilities_for_our_Grandchildren ↩
  6. Nick Bostrom, «Deep Utopia: Life and Meaning in a Solved World», 2024: https://www.goodreads.com/book/show/221701048 ↩
  7. Kulveit et al., «Gradual Disempowerment: Systemic Existential Risks from Incremental AI Development», 2025: https://arxiv.org/abs/2501.16946 ↩
  8. Anthropic, «Project Vend: Phase two», Dezember 2025: https://www.anthropic.com/research/project-vend-2 ↩
  9. GIGA, «Klarna knickt ein: Kunden erhalten echte Hilfe zurück», Mai 2025: https://www.giga.de/tech/klarna-knickt-ein-kunden-erhalten-echte-hilfe-zurueck--01JV23EC61HZ7XAR2BXT0Z5BRE ↩
  10. Art. 707 und Art. 718 Abs. 4 OR, Übersicht bei LAW.CH: https://law.ch/lawinfo/aktiengesellschaft/verwaltungsrat/wahl-verwaltungsrat/ ↩
  11. Überblick über ACP, AP2, Visa Intelligent Commerce und Mastercard Agent Pay: https://www.remyapp.io/blog/agentic-commerce-protocol-acp-ap2-visa-explained ↩
  12. Brynjolfsson, Chandar, Chen, «Canaries in the Coal Mine?», Update August 2026: https://digitaleconomy.stanford.edu/app/uploads/2026/08/Canaries_August2026.pdf ↩
  13. AXA KMU-Arbeitsmarktstudie 2026, via swissinfo.ch: https://www.swissinfo.ch/ger/schweizer-kmu-sehen-k%C3%BCnstliche-intelligenz-nicht-als-jobkiller/92058408 ↩
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