Zwei Wochen, sieben Programme, ein Kurssturz

Ich habe geschrieben, dass Build statt Buy kommt. Dass ein Einzelner in zwei Wochen sieben Adobe-Programme nachbaut und zwei Banken darauf die Aktie abstufen, hätte ich nicht gedacht. Was ArtCraft wirklich zeigt und was KMU jetzt mit ihren Abos tun sollten.
Zwei Wochen, sieben Programme, ein Kurssturz

Vor ein paar Monaten habe ich hier geschrieben, dass Build statt Buy kommt.¹ Dass Unternehmen ihre Werkzeuge immer öfter selbst bauen statt sie zu mieten. Ich war mir meiner Sache sicher. Beim Tempo habe ich mich verschätzt.

Am 30. September beginnt auf GitHub die öffentliche Geschichte eines Projekts namens ArtCraft. Zwölf Tage später gibt es sieben Programme: PhotoCraft statt Photoshop, VectorCraft statt Illustrator, FilmCraft statt Premiere, LightCraft statt Lightroom, dazu Ersatz für Acrobat, After Effects und InDesign. Gratis, Open Source, ohne Abo.² Gebaut hat sie im Kern ein einzelner Entwickler, Brandon Thomas. Den grössten Teil des Codes hat er nicht selbst geschrieben. In rund drei Vierteln aller Code-Änderungen steht Claude als Co-Autor.²

Am Montag, 12. Oktober, stuft HSBC die Adobe-Aktie von «Buy» auf «Hold» herab und nennt ArtCraft ausdrücklich als Grund.³ Am selben Tag senkt Wells Fargo gleich um zwei Stufen auf «Underweight».⁴ Die Aktie liegt seit Jahresbeginn rund 30 Prozent im Minus.⁴

Ein Hobbyprojekt bewegt die Analysten eines Konzerns mit über 20 Milliarden Dollar Umsatz. Das hätte ich im Frühling nicht für möglich gehalten.

Erst die Ernüchterung

Bevor jetzt alle ihr Creative-Cloud-Abo kündigen: ArtCraft ist kein fertiger Photoshop-Ersatz. Noch lange nicht.

Creative Bloq hat die Programme getestet. LightCraft kann die Rohdaten einer aktuellen Canon-Kamera nicht öffnen. Die automatische Auswahl in PhotoCraft trifft daneben. FilmCraft spielt verbreitetes 10-Bit-Kameramaterial nicht ab, und Premiere-Projekte lassen sich weder öffnen noch speichern.⁵ Das Team selbst schätzt die Einsatzreife von FilmCraft auf 50 bis 60 Prozent.² Dazu kommen offene Fragen zur Sicherheit und zum Recht: Kann ein Einzelner Hunderttausende Zeilen Code prüfen, die eine Maschine geschrieben hat? Und hält das Argument, man habe alles ohne Adobe-Quellcode nachgebaut, vor Gericht?⁶

Als Filmemacher sage ich es deutlich: Mit FilmCraft würde ich heute keinen Kundenauftrag schneiden. Und HSBC sieht es ähnlich nüchtern. Betroffen seien vorerst vor allem Gratis-Nutzer und Open-Source-Fans, nicht die Profis.³

Warum also der Aufruhr?

Was sich wirklich verschoben hat

Weil der Preis für das Bauen von Software eingebrochen ist. Nicht halbiert. Eingebrochen.

Photoshop ist das Ergebnis von über 35 Jahren Entwicklung durch Tausende Leute. Eine brauchbare Rohfassung davon entsteht heute in zwei Wochen. Sie ist fehlerhaft und unvollständig. Aber sie existiert. Und sie wird jeden Monat besser, weil die Werkzeuge, mit denen sie gebaut wird, jeden Monat besser werden.

Das ist der Kern von Build statt Buy. Es geht nicht darum, ob ArtCraft Photoshop schlägt. Es geht darum, dass die Frage überhaupt gestellt wird. Jahrzehntelang galt: Grosse Software kauft oder mietet man. Selber bauen war etwas für Konzerne mit eigener IT-Abteilung. Diese Regel ist gerade gefallen.

Und es fällt auf, wen es zuerst trifft. Jason Aten schreibt bei Inc. einen Satz, der hängen bleibt: Adobes grösstes Problem sei nicht die Software, sondern die Beziehung zu den eigenen Kunden.⁷ Die US-Wettbewerbsbehörde FTC hat Adobe 2024 verklagt, unter anderem wegen versteckter Kündigungsgebühren.⁷ Thomas nennt genau diese Gebühren als Motivation.² Wer seine Kunden jahrelang mit Abo-Fallen festhält, hat keine Fans. Er hat Geiseln. Und Geiseln laufen weg, sobald die Tür aufgeht.

Die Tür ist seit diesem Frühling sichtbar angelehnt. Im April hat Anthropic mit Claude Design ein Werkzeug lanciert, das aus Textbefehlen Prototypen, Präsentationen und Marketingmaterial baut. Die Aktien von Figma und Adobe gaben nach.⁸ Mein eigenes Logo habe ich vor ein paar Wochen ganz ohne Grafikprogramm gebaut, nur in Chatfenstern. Das war kein Zufall. Das war dasselbe Muster, eine Nummer kleiner.

Die Unterscheidung, die zählt

HSBC macht in seiner Begründung eine Unterscheidung, die ich jedem Unternehmen ans Herz lege.³ Auf der einen Seite steht «Auto-Coding»: Die Maschine schreibt, kaum jemand prüft. So entsteht ArtCraft. Auf der anderen Seite steht professionelles Bauen mit KI: Mensch und Maschine entwickeln gemeinsam, der Mensch versteht und verantwortet, was entsteht.

Für ein KMU ist nur die zweite Variante interessant. Und zwar aus einem einfachen Grund: Niemand in Ihrem Betrieb muss Photoshop nachbauen. Das ist die falsche Lehre aus dieser Geschichte.

Die richtige Lehre ist kleiner und viel wertvoller. Die meisten KMU zahlen für Software, von der sie zehn Prozent nutzen. Ein CRM, in dem drei Felder gepflegt werden. Ein Projekttool, das eigentlich eine bessere Excel-Liste ist. Eine Speziallösung für ein einziges Formular, die jedes Jahr teurer wird. Genau diese Werkzeuge kann man heute massschneidern: klein, auf die eigenen Abläufe zugeschnitten, ohne Abo, ohne Lock-in. Nicht in zwei Wochen ein Konzernprodukt, sondern in zwei Tagen das Werkzeug, das wirklich gebraucht wird.

Und weil Ehrlichkeit dazugehört: Auch ArtCraft ist nicht unabhängig. Es wurde mit gemieteter KI gebaut. Wer selber baut, verschiebt seine Abhängigkeit, er hebt sie nicht auf. Der Unterschied ist, was am Ende Ihnen gehört: der Code, die Daten, die Logik Ihres Betriebs. Das ist die Linie, um die es geht.

Was bedeutet das für ein Unternehmen in der Schweiz?

Kündigen Sie nicht überstürzt. Die Profi-Werkzeuge bleiben vorerst die Profi-Werkzeuge, und für echte Kundenarbeit brauchen Sie Software, die heute funktioniert, nicht in sechs Monaten.

Aber nehmen Sie sich eine Stunde und gehen Sie Ihre Abos durch. Drei Fragen pro Abo reichen:

  1. Was nutzen wir davon wirklich? Ehrlich, nicht laut Verkaufsprospekt.
  2. Wie schwierig wäre es, rauszukommen? Gehören die Daten uns, in einem Format, das wir mitnehmen können?
  3. Wäre der genutzte Teil heute selber baubar? Nicht von Ihnen persönlich, sondern mit KI und jemandem, der weiss, was er tut.

Wo die Antworten lauten «wenig», «schwierig» und «ja», liegt Ihr erster Kandidat. Und selbst wenn Sie nichts bauen: Sie gehen in die nächste Vertragsverlängerung mit einer Alternative im Kopf. Das allein verändert die Verhandlung.

Ich habe im Frühling geschrieben, dass das kommt. Jetzt ist es da, schneller als gedacht. Die Software-Anbieter werden sich anpassen müssen, und die guten werden das auch. Für Sie heisst das: Die Zeit, in der Sie nehmen mussten, was angeboten wurde, ist vorbei.

Wenn Sie wissen wollen, welches Ihrer Werkzeuge einen Zuschnitt verdient und welches Sie besser behalten: Genau dafür gibt es das Erstgespräch. Eine Stunde, Ihre Abos, eine ehrliche Einschätzung.


Quellen:

  1. Eigener Beitrag: «Der Massanzug von jemand anderem», dani-knows-ai.com/geschenkte-ki-skills-build-statt-buy/
  2. Mad Robot Blog: «PhotoCraft and ArtCraft: free Adobe clones built with Claude», 10.10.2026 — sieben Apps, öffentliche Historie ab 30.9./1.10.2026, rund 77 % der Commits mit Claude Opus 5.5 als Co-Autor, ca. 75'000 GitHub-Stars, Einsatzreife FilmCraft 50–60 %, Kündigungsgebühren als Motivation. https://madrobot.blog/2026/10/10/artcraft-photocraft-free-adobe-photoshop-alternatives-built-with-claude-opus/
  3. Investing.com: «HSBC downgrades Adobe stock rating on open-source competition», 13.10.2026 — Buy → Hold, Kursziel 310 → 267 USD; Unterscheidung Auto-Coding vs. professionelles Vibe-Coding. https://www.investing.com/news/analyst-ratings/hsbc-downgrades-adobe-stock-rating-on-opensource-competition-93CH-4945791
  4. Yahoo Finance: «ADBE Stock Tumbles After Double Downgrade», 12.10.2026 — Wells Fargo Equal Weight → Underweight, Kursziel 270 → 225 USD, Aktie seit Jahresbeginn fast −30 %. https://finance.yahoo.com/markets/stocks/articles/adbe-stock-tumbles-double-downgrade-145841648.html
  5. Creative Bloq: «I tried those free AI-coded Adobe Creative Cloud clones, and they have some big problems», 13.10.2026. https://www.creativebloq.com/news/i-tried-those-free-ai-coded-adobe-creative-cloud-clones-and-they-have-some-big-problems
  6. Tom's Hardware: «Solo developer rebuilds Adobe Creative Suite in Rust using Claude …», 8.10.2026. https://www.tomshardware.com/software/video-editing-graphic-design/solo-developer-rebuilds-adobe-creative-suite-in-rust-using-claude-releases-it-free-to-all-targets-100-percent-parity-in-one-month-despite-piracy-claims-and-safety-warnings
  7. Inc. (Jason Aten): «It Turns Out the Only Thing People Like Less Than AI Is Paying for Adobe Creative Cloud», 13.10.2026. https://www.inc.com/jason-aten/it-turns-out-the-only-thing-people-like-less-than-ai-is-paying-for-adobe-creative-cloud/91418566
  8. Sherwood News: «Anthropic launches Claude Design, sending shares of Figma down», 17.4.2026. https://www.sherwood.news/tech/anthropic-launches-claude-design-sending-shares-of-figma-down/
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