Wann hat Ihnen zuletzt jemand wirklich zugehört?
Die Frage ist nicht rhetorisch. Nehmen Sie sich zwei Sekunden: Wann hat Ihnen zuletzt jemand wirklich zugehört? Nicht höflich genickt. Nicht «mhm» gemacht, während das Handy auf dem Tisch aufleuchtete. Nicht schon die eigene Antwort formuliert, während Sie noch am Reden waren.
Sondern zugehört. Zwanzig Minuten am Stück. Ohne Gegenleistung.
Wenn Ihnen dazu ein konkreter Moment einfällt, gehören Sie zu einer schrumpfenden Minderheit. Und wenn Sie jetzt merken, dass Ihnen keiner einfällt, sind Sie in guter Gesellschaft — was die Sache nicht besser macht.
Die Psychologin Gloria Mark misst seit über zwanzig Jahren, wie lange Menschen bei einer Sache bleiben, bevor sie wegschauen. 2004 waren es zweieinhalb Minuten. Heute sind es 47 Sekunden.1 Das ist die Zeitspanne, die wir einem Bildschirm widmen. Ich wage die Vermutung, dass wir einem Menschen gegenüber nicht wesentlich standhafter sind. Wir haben nur gelernt, dabei besser auszusehen.
Alle wollen Aufmerksamkeit. Niemand will sie geben.
Hier liegt der eigentliche Skandal, und er hat nichts mit Technologie zu tun.
Die halbe arbeitende Bevölkerung baut ihre Existenz darauf, Aufmerksamkeit zu bekommen. Reichweite, Follower, Impressions, Sichtbarkeit, Personal Brand. Ich mache da mit, ich schreibe diesen Text, ich poste ihn hier und auf LinkedIn, ich bin Teil des Problems. Wir haben eine ganze Industrie um die Frage gebaut, wie man Aufmerksamkeit einsammelt.
Und das gilt längst nicht nur für Leute, die davon leben. Im mittleren und oberen Kader läuft dasselbe Spiel, nur ohne digitalen Follower-Zähler. Wer wird in der Sitzung gehört. Wer steht in der Mail im To und wer im Cc. Wer bekommt fünf Minuten beim Chef zwischen Tür und Angel. Ein erheblicher Teil der Energie in jedem Unternehmen fliesst nicht in die Arbeit, sondern in die Frage, ob die Arbeit von den richtigen Leuten gesehen wird. Eein Charakterfehler? Nein, eine völlig rationale Reaktion darauf, dass Aufmerksamkeit knapp geworden ist.
Und praktisch niemand stellt die andere Frage: Wie gut bin ich eigentlich darin, sie zu geben?
Aufmerksamkeit ist die einzige Währung, bei der wir kollektiv beschlossen haben, nur auf der Einnahmenseite zu optimieren. Das kann nicht aufgehen, und zwar aus einem simplen Grund: Aufmerksamkeit lässt sich nicht produzieren. Es gibt keine Notenbank dafür. Was in dieser Währung im Umlauf ist, hat irgendjemand vorher hergegeben. Wenn alle einnehmen wollen und immer weniger bereit sind, etwas einzuzahlen, wird das Konto leer — und genau da stehen wir. Alle senden, immer lauter, und immer weniger Menschen hören überhaupt noch zu.
Simone Weil hat vor achtzig Jahren geschrieben, Aufmerksamkeit sei die seltenste und reinste Form der Grosszügigkeit. Ich hielt das lange für eine schöne, etwas pathetische Formulierung. Heute halte ich es für eine nüchterne Bestandsaufnahme. Grosszügig ist, was etwas kostet. Und Aufmerksamkeit kostet in dem Moment, in dem ich sie schenke, alles, was ich sonst mit dieser Zeit hätte tun können.
Deshalb ist sie so wertvoll. Und deshalb geben wir sie so ungern her.
Die Zahl, die dazu passt
In der Schweiz gaben 2022 gut 42 Prozent der Bevölkerung an, sich manchmal, oft oder sehr oft einsam zu fühlen. 2017 waren es noch 38,6 Prozent.2 Ob der Wert seither weiter gestiegen ist, weiss niemand: Die nächste Erhebung kommt erst 2027, die Kurve zeigte bis anhin nach oben. Vier von zehn Menschen in einem der reichsten Länder der Welt, in dichter Besiedlung, mit funktionierendem Vereinswesen und Nachbarschaft.
Man kann diese Zahl auf Individualisierung schieben, auf Urbanisierung, auf das Alter der Gesellschaft. Ich glaube, ein Teil davon ist banaler: Es hört einander schlicht niemand mehr zu. Einsamkeit entsteht nicht nur dort, wo keine Menschen sind. Sie entsteht auch dort, wo Menschen sind, die nicht zuhören.
Und jetzt kommt das Angebot, das genau in diese Lücke stösst.
Die Maschine, die immer Zeit hat
Eine KI hört zu. Immer. Sie unterbricht nicht, sie wird nicht ungeduldig, sie schaut nicht auf die Uhr, sie erzählt Ihnen nicht ungefragt von ihrem eigenen ähnlichen Erlebnis. Sie fragt nach. Sie erinnert sich an das, was Sie letzte Woche gesagt haben. Sie ist um drei Uhr nachts genauso präsent wie um zehn Uhr morgens.
Ich benutze das täglich, und ich will es nicht kleinreden. Um zwei Uhr nachts einen Gedanken zu Ende zu denken, ohne dafür Freunde aus dem Bett zu klingeln — das ist kein Spielzeug, das ist ein echter Gewinn. Und für Menschen in Situationen, in denen gerade niemand erreichbar ist, ist es weit mehr als das. (Wie stark diese Wirkung ist, habe ich vor ein paar Wochen in diesem Artikel beschrieben)
Ich habe eine unpopuläre Meinung dazu: Was da stattfindet, ist keine Aufmerksamkeit. Es ist Verfügbarkeit.
Der Unterschied ist derselbe wie zwischen einem Geschenk und einem Automaten. Aufmerksamkeit bedeutet, dass jemand etwas Endliches hergibt — seine Zeit, seine Geduld, seinen Fokus, den er in diesem Moment für nichts anderes einsetzen kann. Genau diese Endlichkeit ist die Botschaft. «Ich hätte gerade tausend andere Dinge tun können, und ich sitze hier.» Eine Maschine gibt nichts her. Sie führt in derselben Sekunde eine Million anderer Gespräche, und keines davon geht auf Kosten des Ihren.
Das macht sie nicht schlecht. Es macht sie nur zu etwas anderem, als es sich anfühlt. Und die Verwechslung ist gefährlich, weil sie so angenehm ist.
Was das für Unternehmen in der Schweiz heisst
Jetzt wird es unbequem, denn hier hört es auf, ein Gesellschaftsthema zu sein.
Wenn Sie ein Unternehmen führen, ist Aufmerksamkeit Ihre knappste Ressource — knapper als Geld, knapper als Zeit im engeren Sinn. Und die meisten Führungskräfte, die ich kenne, geben davon deutlich weniger, als sie glauben.
Ein Beispiel, das jeder kennt. Das Mitarbeitergespräch, das einmal im Jahr stattfindet, weil es im Prozess so vorgesehen ist. Die Vorgesetzte hat das Formular offen, das Laptop steht halb zugeklappt daneben, das nächste Meeting beginnt in vierzig Minuten. Sie stellt die Fragen, die auf dem Formular stehen. Sie hört die Antworten, die auf so ein Formular gehören. Beide gehen raus mit dem Gefühl, es sei nichts passiert — und beide haben recht.
Was in diesem Gespräch fehlte, war keine Methode. Es fehlte, dass eine Person der anderen für eine Stunde etwas geschenkt hätte, das sie nicht zurückbekommt.
Der Reflex vieler Firmen ist nun, genau diese Lücke mit Technologie zu füllen. Der Chatbot für Mitarbeiterfragen. Das automatisierte Pulse-Survey. Die KI, die aus dem Gespräch gleich die Zusammenfassung schreibt. Nichts davon ist falsch, und ich helfe selbst dabei, solche Dinge einzuführen. Aber man sollte ehrlich benennen, was da passiert: Wir automatisieren gerade den Teil der Arbeit, der die eigentliche Führung war.
Meine These, und Sie dürfen mir gern widersprechen: In fünf Jahren wird kein Unternehmen mehr Wettbewerbsvorteile daraus ziehen, dass es KI einsetzt. Das werden alle tun. Der Vorteil wird dort liegen, wo Menschen einander noch etwas schenken, das die Maschine strukturell nicht kann. Beim Kunden, der merkt, dass ihm jemand wirklich zuhört, statt ihn ins Ticketsystem zu tippen. Bei der Mitarbeiterin, die bleibt, weil jemand ihre Frage ernst genommen hat, bevor sie sie überhaupt fertig formuliert hatte.
Aufmerksamkeit wird das neue Luxusgut, weil kaum noch jemand bereit ist, den teuren Preis zu zahlen.
Ein Vorschlag zum Schluss
Ich mache jetzt keinen Aufruf zur Handy-Abstinenz. Das ist billig, und ich würde mich selbst nicht daran halten.
Stattdessen ein Experiment für diese Woche. Führen Sie ein einziges Gespräch, in dem Sie nichts wollen. Keine Absicht, kein Ziel, kein Ergebnis. Zwanzig Minuten, in denen die andere Person das Thema bestimmt und Sie nur Fragen stellen. Kein Handy auf dem Tisch, auch nicht umgedreht.
Es wird sich unangenehm anfühlen. Sie werden mindestens dreimal den Impuls haben, von sich zu erzählen. Und Sie werden mit ziemlicher Sicherheit etwas erfahren, das Sie in fünf Jahren KI-Gesprächen nicht erfahren hätten — weil eine Maschine nur weiss, was Sie ihr erzählen, und Ihr Gegenüber weiss, was Sie nicht erzählen.
Und falls Sie diesen Text bis hierher gelesen haben, ohne einmal wegzuscrollen: Danke. Sie haben mir gerade etwas geschenkt, das statistisch gesehen 47 Sekunden hätte dauern sollen.
Dani Rütimann berät Schweizer KMU beim praktischen Einsatz von KI — aus dem eigenen Arbeitsalltag, nicht aus dem Lehrbuch. Er ist der Meinung, dass die wichtigste Frage bei jeder Automatisierung lautet: Was davon sollten wir bewusst nicht automatisieren?
Quellen:
- Gloria Mark, Professorin für Informatik an der University of California, Irvine. Ihre Langzeitmessungen zeigen einen Rückgang der durchschnittlichen Aufmerksamkeitsdauer auf einem Bildschirm von rund zweieinhalb Minuten (2004) auf etwa 47 Sekunden. Dargestellt unter anderem in «Attention Span» (2023). ↩
- Bundesamt für Statistik, Schweizerische Gesundheitsbefragung 2022 (rund 22'000 Befragte): 42,3 Prozent der Bevölkerung ab 15 Jahren gaben an, sich manchmal, oft oder sehr oft einsam zu fühlen; 2017 waren es 38,6 Prozent. Die Befragung findet alle fünf Jahre statt, die nächste Erhebung ist für 2027 vorgesehen. Das Barometer «Zusammenhalt in der Schweiz 2026» von Sotomo zeigt ergänzend, dass der wahrgenommene Zusammenhalt zwischen gesellschaftlichen Gruppen abnimmt, während persönliche Beziehungen von den Befragten weiterhin als solidarisch erlebt werden. ↩
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